Die Frage, ob und in welcher Form die Soziologie Kritik an sozialen Zuständen üben kann, muss oder soll, zählt spätestens seit Max Webers Beitrag zum Werturteilsstreit zu den zentralen und zeitlosen Reflexionsthemen des Fachs. In der neueren Literatur ist diese Fragestellung unter der Formulierung verhandelt worden, ob sich die Soziologie als Soziologie der Kritik darauf beschränken sollte, Praktiken der Kritik zu beobachten und zu erklären, oder ob sie darüber hinaus als kritische Soziologie selbst Kritik an sozialen Sachverhalten üben sollte. Autorinnen und Autoren, die sich in dieser Debatte für irgendeine Form soziologischer Kritik aussprechen, stehen dann vor dem Folgeproblem, darlegen zu müssen, wie sich die von ihnen favorisierte Form der soziologischen Kritik von der „Kritik der Leute“ (Georg Vobruba) unterscheidet, wie soziologische Kritik und soziologische Analyse miteinander zusammenhängen und woher die soziologische Kritik die (normativen) Maßstäbe ihrer Werturteile bezieht.
Im Seminar lesen und diskutieren wir klassische und neuere Beiträge zu diesem Verhältnis von Soziologie und Kritik. Im Zentrum stehen dabei die folgenden Schwerpunkte:
Bitte beachten Sie, dass es sich bei den Veranstaltungen 300120 und 300121 der Sache nach um eine integrierte 4-Stündige Veranstaltung handelt. Belegen Sie bei Interesse also beide Veranstaltungen. Geplant ist eine Veranstaltungszeit von 8:45 Uhr bis 12:00 Uhr, also 2 * 90 Minuten mit einer 15-minütigen Pause.
Vobruba, Georg. 2017. Die Kritikkontroverse: Probleme der Unterscheidung von Praxis und Theorie. Soziologie 46 (2): 173–190.
Bittner, R., 2009: Kritik, und wie es besser wäre. S. 134–149 in: R. Jaeggi & T. Wesche (Hrsg.), Was ist Kritik? Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Weber, Max, 1917 (2013): Der Sinn der 'Wertfreiheit' der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften. S. 33–56 in: Martin Carrier & Gerhard Schurz (Hrsg.), Werte in den Wissenschaften. Neue Ansätze zum Werturteilsstreit. Berlin: Suhrkamp.
Horkheimer, Max, 1937 (1988): Traditionelle und kritische Theorie. S. 162–216 in: ders., Gesammelte Schriften. Band 4. Schriften 1936-1941. Frankfurt am Main: Fischer.
Jaeggi, Rahel, 2009: Was ist Ideologiekritik? S. 266–295 in: Rahel Jaeggi & Tilo Wesche (Hrsg.), Was ist Kritik? Frankfurt am Main: Suhrkamp
Weißmann, Martin. 2017. Wie immanent ist die immanente Kritik? Soziologische Einwände gegen Widerspruchsfreiheit als Ideal der Sozialkritik. Zeitschrift für Soziologie 46 (6): 381–401.
Scherr, Albert (Hrsg.). 2020. Systemtheorie und Differenzierungstheorie als Kritik: Perspektiven in Anschluss an Niklas Luhmann, 2. Aufl. Weinheim: Beltz Juventa.
Habermas, Jürgen. 2022. Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin: Suhrkamp.
Analyse & Kritik (Hrsg.). 2021. Polizeiproblem: Rassismus und Nazinetzwerke: Warum die sogenannten Sicherheitsbehörden nicht reformierbar sind.
Loick, Daniel (Hrsg.). 2018. Kritik der Polizei. Frankfurt am Main: Campus.
| Frequency | Weekday | Time | Format / Place | Period | |
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| weekly | Di | 10:30-12:00 | 13.04.-24.07.2026 |
The binding module descriptions contain further information, including specifications on the "types of assignments" students need to complete. In cases where a module description mentions more than one kind of assignment, the respective member of the teaching staff will decide which task(s) they assign the students.