Unter dem Bürgertum wird gemeinhin die soziale Trägergruppe verstanden, die der modernen Gesellschaft ihr spezifisches kulturelles Gepräge verliehen hat. Eine besondere Wertschätzung von Leistung, Bildung und Hochkultur, eine Rationalität und Methodik der Lebensführung, die selbstständige Gestaltung der gesellschaftlichen Aufgaben in Vereinen und Assoziationen und das Ideal einer emotional grundierten Kernfamilie mit polaren Geschlechtsidentitäten bilden dabei charakteristische Elemente bürgerlicher Kultur. Anders als andere ständische Kulturen trat die bürgerliche Kultur dabei von Anbeginn mit einem Anspruch auf Allgemeinheit an, der sich in einem gesellschaftlichen Projekt der „Verbürgerlichung“ (etwa der Arbeiter*innen) manifestierte. Das Seminar verfolgt und problematisiert den Aufstieg des Bürgertums und der bürgerlichen Kultur aus historisch-soziologischer Perspektive. Es schließt dabei auch an die Bielefelder Bürgertumsforschung an, erweitert diese aber durch postkoloniale Perspektiven, die die Durchsetzung bürgerlicher Wertvorstellungen in einem kolonialen Kontext situieren. Koloniale Verwicklungen und Grenzziehungen, so die in dieser Literatur verfolgte These, spielten eine entscheidende Rolle in der Selbstvergewisserung bürgerlicher – und im selben Zuge oft nationaler – Identität. Das Seminar beleuchtet dabei zugleich kritisch die Beziehungen des Bürgertums zu alternativen Subjektkulturen, wie sie sich über die Zeit hinweg entwickelt haben, und verbindet damit die Frage nach der Kontinuität und dem Bestand bürgerlicher Normen der Lebensführung in der Gegenwartsgesellschaft.
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