300152 Massenmedien und Öffentlichkeit in soziologischer und historischer Perspektive (MA: Soziologische Theorie) (S) (WiSe 2026/2027)

Inhalt, Kommentar

»Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien« lautet der erste und vielleicht schon zu oft zitierte Satz aus Niklas Luhmanns kurzem Buch über die Realität der Massenmedien, das auf einen Vortrag zurückgeht, den Luhmann im Jahr 1995 an der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat. Eine Implikation dieses Satzes dürfte uns im Laufe des Semesters in jeder Sitzung begegnen, „nämlich der Umstand, dass unter den Bedingungen der Moderne massenmedial konstituierte Realitätsentwürfe und Kommunikationsprozesse in der gesamten Gesellschaft und daher auch in allen ihren Funktionssystemen wirksam sind. In diesem Sinn profitieren die übrigen Funktionssysteme davon, dass Massenmedien eine gesellschaftlich akzeptierte ›Realität‹ bereitstellen“ (Binczek 2012: 187).

Wer glaubt, schon zu viele Texte von Luhmann und anderen Systemtheoretiker:innen gelesen zu haben, kann vielleicht trotzdem etwas in diesem Seminar lernen, da wir in den ersten etwa zehn Sitzungen des Semesters (also in den Sitzungen bis Ende Dezember 2026) neben Luhmanns Texten zu Massenmedien und öffentlicher Meinung (z.B. Luhmann 1971, 1981, 1996) u.a. auch Texte von bzw. zu Pierre Bourdieu (Bourdieu 1998; Benson & Neveu 2005) und Jürgen Habermas (Habermas 2013[1962], 2022) sowie geschichtswissenschaftliche bzw. kommunikationswissenschaftliche (z.B. Requate 1995, Birkner 2012) Texte zur Geschichte des Journalismus bzw. der Massenmedien sowie der Öffentlichkeit bzw. der öffentlichen Meinung lesen und diskutieren werden.
Herausarbeiten wollen wir im Zuge unserer Lektüren und Diskussionen vor allem, inwiefern sich die Fragen ähneln und inwiefern sich die Fragen unterscheiden, die Bourdieu, Habermas, Luhmann sowie ausgewählte Historiker bzw. Kommunikationswissenschaftler an den Journalismus bzw. die Massenmedien sowie die Öffentlichkeit bzw. die öffentliche Meinung stellen. Natürlich werden wir auch die daran anschließende Frage verhandeln, welche diese Fragen uns als Soziolog:innen ‚interessanter‘ erscheinen, und welche Antworten auf diese Fragen uns aus welchen Gründen überzeugen.

Die Themen der letzten fünf Sitzungen des Semesters (also der Sitzungen ab Januar 2027) sollen sich nach den Interessen und Schreibprojekten der Teilnehmer:innen richten. Zu meinen eigenen Forschungsinteressen würden beispielsweise die folgenden Themen passen, die ich hier als Vorschlag und Anregung nur unverbindlich notiere:

  • Journalismus und öffentliche Meinung im Nationalsozialismus (oder, vergleichend, etwa in der Weimarer Republik, der Deutschen Demokratischen Republik, der frühen Bundesrepublik, oder anderen uns als ‚interessant‘ erscheinenden Vergleichsfällen, z.B. Türkei, USA oder Georgien im 21. Jahrhundert – in der Wahl der ‚Fälle‘ sind wir frei, sofern wir uns empirisch einigermaßen auskennen oder einlesen können).
  • In diesem Zusammenhang: Diskussion eines laufenden Dissertationsprojektes an unserer Fakultät, in dem die Autorin sich in einer Fallstudie zu den USA der jüngeren Vergangenheit mit dem Journalismus als einem sozialen Feld beschäftigt (Empirie u.a.: Nachrichtenproduktion der New York Times, der Washington Post, von CNN oder Fox News), das politisch und gesellschaftlich folgenreiche Konzepte wie dasjenige vom „Trumpismus“ gewissermaßen hervorgebracht hat (vgl. Luhmanns zu Beginn dieses Kommentars zitierter Satz). Die Autorin wird voraussichtlich im Zuge der entsprechenden Sitzungen vor Ort mit uns über ihre Forschung diskutieren, wodurch wir eine gute Gelegenheit haben, nicht nur über die Wahrheit ihrer Thesen zu debattieren, sondern auch einen Eindruck davon zu bekommen, welche Art von empirischer Forschung hinter diesen Thesen steckt, wie also 'Theorie und Empirie' konkret miteinander zusammenhängen.
  • (Zeitungs-)Redaktionen als Organisationstyp? Organisationssoziologische Überlegungen, mit Luhmanns ‚Ebenenunterscheidung‘ (Interaktion, Organisation, [Berufsgruppe?], Gesellschaft) im Hintergrund
  • Journalisten als Berufsgruppe? Professionssoziologische Überlegungen, z.B. Herausarbeiten der „professionellen Paradoxien“ (Fritz Schütze) des Investigativ-Journalismus.
  • .... ergänzen Sie diese Liste zunächst gedanklich und ab der ersten Sitzung dann mündlich im Seminarraum gerne selbst: Die Sitzungen spätestens ab Januar 2027 sind offen für Ihre Interessen und Schreibprojekte!

Letzte Sitzung: Hausarbeitskonferenz. Spätestens in der letzten Sitzung besprechen wir gemeinsam Ihre geplanten oder bereits begonnenen Hausarbeitsprojekte auf Grundlage eines von Ihnen am Tag der vorletzten Sitzung im Lernraum eingestellten Papiers (Umfang: maximal fünf Seiten, besser nur zwei Seiten inkl. zentraler Literatur; Form: Ideenskizze bzw. vorläufige Einleitung zur Hausarbeit).

Details zu Studien- und Prüfungsleistung sowie zu den einzelnen Sitzungen finden Sie im Ablaufplan zur Veranstaltung, der vor Beginn der ersten Sitzung im Lernraum veröffentlicht wird. Bringen Sie mögliche Rückfragen und Anregungen zum Ablaufplan gerne mit in die erste Sitzung.

Wichtig für Ihren und unseren gemeinsamen so genannten ‚Lernerfolg‘ ist lediglich, dass Sie erstens Interesse an den skizzierten Themen haben; zweitens über hinreichend Zeit und Interesse verfügen, die im Ablaufplan genannten Texte vor Beginn der jeweiligen Sitzung zu lesen; und schließlich drittens auch noch Zeit und Interesse haben, vor Ort an den Seminarsitzungen teilzunehmen. Sinnvoll für Ihren 'Lernerfolg' sind sicherlich auch zumindest Grundkenntnisse im Feld der soziologischen Theorie; hilfreich (aber nicht zwingend notwendig) dürften darüber hinaus erste Erfahrungen in der Arbeit mit bestimmten soziologischen Theorien sein, zum Beispiel mit denjenigen von Bourdieu, Habermas oder Luhmann, die uns durch das Semester begleiten werden.

Literaturangaben

Benson, R. & E. Neveu (Hrsg.), 2005: Bourdieu and the Journalistic Field. Cambridge: Polity Press.
Binczek, N., 2012: Luhmann, Die Realität der Massenmedien. S. 186–192 in: O. Jahraus, A. Nassehi, M. Grizelj, I. Saake, C. Kirchmeier & J. Müller (Hrsg.), Luhmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler.
Birkner, T., 2012: Das Selbstgespräch der Zeit. Köln: Herbert von Halem.
Bourdieu, P., 1998: Über das Fernsehen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Habermas, J., 2013: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft; mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990 (Erstauflage 1962). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Habermas, J., 2022: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin: Suhrkamp.
Luhmann, N., 1971 (1971): Öffentliche Meinung. S. 9–34 in: ders., Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Luhmann, N., 1981: Veränderungen im System gesellschaftlicher Kommunikation und die Massenmedien. S. 355–368 in: ders., Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Luhmann, N., 1996: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Requate, J., 1995: Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

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wöchentlich Di 10-12   12.10.2026-05.02.2027
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Modul Veranstaltung Leistungen  
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30-MeWi-HM2 Medien und Gesellschaft Lehrveranstaltung I benotete Prüfungsleistung
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Lehrveranstaltung III Studienleistung
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Art(en) / SWS
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