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230435 Gottfried Benn und die Poetiken der Moderne (BS) (SoSe 2019)

Inhalt, Kommentar

Den Lyriker Gottfried Benn mit einer Ästhetik der Moderne in Verbindung zu bringen mag auf den ersten Blick fast als ein banales Vorhaben anmuten. Bereits in seiner expressionistischen Morgue-Lyrik wird nicht nur die Hässlichkeit des verwesenden Körpers, sondern auch der ihn fragmentierende Prozess der Sezierung mit einer Sprache der impassibilité entworfen. Benn enthält sich moralischer Wertungen der brutalen Destruktionsvorgänge und nutzt sie lediglich, um eine neue Form des lyrischen Ausdrucks zu gewährleisten. Damit bildet sich schon im frühen Benn ein Theoretiker der Form heraus, der den moralischen Aspekt zu den vernachlässigenden inhaltlichen Aspekten der Lyrik zählt. Statt dessen entwickelt während seiner eigenen dichterischen Evolution den Begriff des Artistischen, der auf die formale Durchgebildetheit des lyrischen Textes anspielt und Maximen der klassischen Moderne aufgreift. So verhält es sich auch in seinem viel zitierten theoretischen Manifest Probleme der Lyrik vom 21. August 1951.
Was soll aber nun der Begriff Artistik innerhalb der lyrischen Produktivität aber auch für die Rezeption von Gedichten verdeutlichen? Benn selbst stellt zur Disposition, dass Artistik der Versuch der Kunst ist, „innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selbst als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden.“ Hier ließe sich ein Rettungsversuch von Seiten Benns vermuten, über die Form, der Kunst eine gewisse säkularisierte Transzendenz zu verleihen, mit deren Hilfe sie sich vom Zeitgeist differenzieren könnte.
Wahrscheinlicher ist jedoch eher die These, daß Benn die Mitteilung von Geschichten und sentimentaler Innerlichkeit als zu banal und alltäglich für die spezielle Sprache der Lyrik ansieht, also an dieser Stelle eine gattungstheoretische Problematik berührt. Die Konzentration auf die Form soll den Inhalt verdrängen. So bleibt für das Seminar die Frage nach der Verwirklichung. Ist sie gelungen? Existiert das Gedicht, das nur durch seine Form besteht, das dem sinnsuchenden Leser keine Assoziationen und inhaltlichen Interpretationen mehr abverlangt? Das Seminar wird sich mit Hilfe eines Längsschnitts durch Gottfried Benns lyrisches, essayistisches und auch briefliches Werk mit diesen Fragen vertraut machen und die Realisierungsvarianten seines ästhetisch-poetologischen Anliegens vor dem Hintergrund der eigenen Entwicklung im Expressionismus, Nationalsozialismus, der ‚inneren Emigration’ und einer neuen ‚poésie pure’ vertraut machen. Dabei könnte die im Spätwerk radikalisierte Poetik der Form als Selbstkritik gegenüber der eigenen kulturpolitischen Involviertheit in die Frühphase des Totalitarismus – und damit in die Aufgabe aller ästhetischen Autonomie – begriffen werden. Zur Vorbereitung auf die ersten Seminarsitzungen sei die aufmerksame Lektüre des Morgue-Zyklus empfohlen.

Teilnahmevoraussetzungen, notwendige Vorkenntnisse

- Besuch einer Einführung in die Literaturwissenschaft
- Interesse an Lyrikanalyse und intensiver Diskussion ihrer Ergebnisse
- Beschäftigung mit poetologischen Positionen

Literaturangaben

1) Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden, herausgegeben von Dieter Wellershoff, Stuttgart 1993, achte Auflage.
2) Gottfried Benn/Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932–1956. Hrsg. von Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof, 4 Bände. Göttingen/Stuttgart 2016
3) Jürgen Egyptien: „Entwicklungslinien in Gottfried Benns Lyrik und Poetik 1920 bis 1956“, in: Dieter Burdorf (Hg.): Liebender Streit. Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, Iserlohn 2002, S. 78-96. (bitte zu Semesterbeginn lesen!)
4) Christoph Eyckmann: Die Funktion des Häßlichen in der expressionistischen Lyrik Benns, Heyms und Trakls, Berlin 1963.
5) Horst Albert Glaser (Hg.): Gottfried Benn. 1886 bis 1956. Referate des Essener Kolloquiums, Frankfurt am Main / Bern / New York / Paris 1989.
6) Hiltrud Gnüg: Entstehung und Krise lyrischer Subjektivität. Vom klassischen lyrischen Ich zur modernen Erfahrungswirklichkeit, Stuttgart 1983.
7) Christian M. Hanna/Friederike Reents (Hgg.): Benn-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Stuttgart/Weimar 2016.
8) Edgar Lohner: Passion und Intellekt. Die Lyrik Gottfried Benns, Frankfurt am Main 1986.
9) Matías Martínez (Hg.): Gottfried Benn – Wechselspiele zwischen Biographie und Werk, Göttingen 2007.
10) Ulrich Meister: Sprache und lyrisches Ich. Zur Phänomenologie des Dichterischen bei Gottfried Benn, Berlin 1983.
11) Torsten Voß: Die Distanz der Kunst und die Kälte der Formen, München 2007.
12) Thomas Wegmann: „Die Moderne tiefer legen. Gottfried Benns Ästhetik der parasitären Störung“, in: Friederike Reents (Hg.): Gottfried Benns Modernität, Göttingen 2007, S. 55 - 74.

Lehrende

Termine (Kalendersicht )

Rhythmus Tag Uhrzeit Ort Zeitraum  
Block 14-18 D2-136 15.07.2019-18.07.2019
Block 14-18 D2-136 22.07.2019-25.07.2019

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25-FS-EM Einführungsmodul E2: Einführende Veranstaltung aus den Fakultäten Studieninformation
E3: Einführende Veranstaltung aus den Fakultäten Studieninformation
25-FS-GM Grundlagenmodul E2: Einführende Veranstaltung aus den Fakultäten Studieninformation
E3: Einführende Veranstaltung aus den Fakultäten Studieninformation

Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.

Studiengang/-angebot Gültigkeit Variante Untergliederung Status Sem. LP  
Studieren ab 50    
Konkretisierung der Anforderungen

- unbenotete Einzelleistung/Studienleistung: Kurzessay zu einem Gedicht oder einer dichtungstheoretischen Position Benns (ca. zwei Seiten)
- benotete Einzelleistung: Hausarbeit (ca. 12 bis 15 Seiten)

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