Start my eKVV Studieninformation Lernräume Prüfungsverwaltung Anmelden

300022 Geschichte der Soziologie (V) (SoSe 2018)

Inhalt, Kommentar

Diese Vorlesung führt mehr oder weniger chronologisch in die Geschichte des soziologischen Denkens ein und endet historisch in etwa dort, wo die Vorlesung zur Einführung in die soziologische Theorie einsetzt. Aber das ist gleichwohl ein weites Feld.
Dass die Zahl der Klassiker unseres Faches sich auf eine Handvoll beschränkt, dürfte sich eher curricularen Zwängen und vor allem der Kürze des Studiums verdanken, als einem tatsächlichen Mangel an hinreichend interessanten Kandidaten. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass das Personal im Pantheon soziologischer Klassiker immer wieder umstritten war und im Laufe der Geschichte des Fachs eben auch immer wieder wechselte. Neue Kandidaten ließen sich immer nur zum Preis einer Verdrängung älterer institutionalisieren. Spencer ist mit dem Ende des 19. Jahrhunderts verschwunden; Tocqueville hat es trotz mehrerer Empfehlungen bis heute nicht recht geschafft; Marx ist zu einem Fall des politischen Bekenntnisses geworden; Weber und Simmel konnte erst über den Umweg Amerika in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein fester Platz an Bord reserviert werden; Maitland und Lexis wurden gänzlich übersehen; und nur Durkheim konnte sich zügig selbst institutionalisieren und wirkte schnell schulbildend, auch wenn einige seiner Schüler bereits im ersten Weltkrieg für das von ihm bis dahin vergeblich gesuchte, aber nun scheinbar gefundene Kollektivbewusstsein ihr Leben verloren hatten.
Ein vergleichbares Auf und Ab bestimmt auch die Geschichtsschreibung unserer Disziplin. Wie alle ausdifferenzierten akademischen Disziplinen weiß auch die Soziologie auf eine vom einzelnen Forscher gar nicht mehr überschaubare Vielzahl von ihrer akademischen Institutionalisierung vorhergehenden Autoren und Beiträgen zurück zu greifen, deren Einschluss oder Ausschluss für die Profilbildung des Fachs nicht ohne Relevanz war und ist. Was von Relevanz ist, wird aber vor allem in der Gegenwart bestimmt und so wird von hier aus die Geschichte und vor allem die Vorgeschichte des Fachs immer wieder umgeschrieben. Es handelt sich dabei leider nicht durchweg um Wissensakkumulation. Dazu vielleicht ein paar stichwortartige willkührlich herausgegriffene Beispiele: Die Kritik der Politischen Ökonomie und Fragen der einfachen und erweiterten Reproduktion und damit Marx wurden spätestens zum Ende des letzten Jahrhunderts aus dem Veranstaltungsprogramm gestrichen, da die Wirtschaftswissenschaften hier längst überlegen schienen; der „linguistic turn“ lädt Kultursoziologen heute dazu ein auch den ein oder anderen um 1900 schreibenden (Sprach)Philosophen nun ernster zu nehmen als bislang üblich; die nicht zuletzt auch soziologischer Forschung geschuldete, aber erst zum Ende des letzten Jahrhunderts angemessen gewürdigte und Gesellschaft in bis dahin ungeahnter Weise sichtbar machende Revolution der Statistik im 19. Jahrhundert zwingt dazu sich auch mit den Arbeiten und Formalismen von lange Zeit als Eugenikern und Sozialdarwinisten verschrienen Autoren erneut zu beschäftigen; Freunde der Spieltheorie sollten geneigt sein auch Thomas Bayes in den Kanon einzureihen; die Migrations-, Globalisierungs- und Lebenslaufforschung dürfte in den nächsten Jahren Thomas und Znaniecki zu deren nun anstehendem 100 jährigen Jubiläum wieder neu entdecken; die Musiksoziologie laviert mit dem auf Weber gerichteten Verdacht des Plagiats; usw.
Geht man weiter zurück wird es auch nicht einfacher und der vielleicht erhoffte Trost, dass sich die Sache im Dunkel verlieren könnte, löst sich schnell auf. Muss man Hegel gelesen haben, um Marx zu verstehen? Oder muss man hier gar noch Spinoza vorschalten? Sollte man sich mit Nietzsche beschäftigt haben oder mit F.A. Lange, wenn man sich für Weber interessiert? Muss man Hobbes´ Leviathan kennen, wenn man das von Parsons als zentral behauptet Bezugsproblem der Soziologie, also das Hobbes´sche Ordnungsproblem verstehen will? Kann man Hobbes´ Position überhaupt richtig einordnen, wenn man nicht auch über den englischen Bürgerkrieg und über die Selbstbehauptungsprobleme des absolutistischen Staates im Bilde ist und mindestens auch noch das erste Buch von Aristoteles´ Politik gelesen hat? Kann man mit Verweis auf Parsons und unter der Annahme, der Fall sei so erledigt, die sogenannten Utilitaristen ungelesen über Bord gehen lassen? Wie kam es im Zuge der Renovierung des Utilitarismus durch die Grenznutzenlehre zur Trennung von Soziologie und Ökonomie? Und: trifft die Kritik der Soziologen überhaupt noch die Entscheidungstheorie, nachdem diese sich um die Mitte des letzten Jahrhunderts zunehmend am Prinzip der revealed preferences zu orientieren begann und unter ihren Vertretern ein Verweis auf begrenzte Rationalität mittlerweile zum guten Ton gehört? Hatten die schottischen Moralisten noch im Vorfeld der Industrialisierung nicht vielleicht einen offeneren Blick auf die Vor- und Nachteile sozialer Differenzierung als die Modernisierungstheorie nach dem zweiten Weltkrieg? Hatten die französischen Moralphilosophen nicht ein genaueres Gespür für die Latenzproblem der Interaktion als der Symbolische Interaktionismus, die phänomenologische Soziologie oder zeitgenössische Praxistheoretiker? Welche interaktionssoziologischen Theoriebestände oder wieviel Goffman muss man hier wachhalten, um zu verhindern, dass sich die nicht nur im Bereich der Empirie brillierende Konversationsanalyse peu a peu in die Linguistik absetzt? Ist die Soziologie gut beraten, wenn sie sich aus der Tradition der vermeintlich nationale Kulturen gegenseitig ins Profil setzenden Geistes- und Kulturwissenschaften zu begreifen versucht, um vom Kampf oder Dialog der Kulturen zu profitieren, statt aus der Weltgeschichtsschreibung der frühen Neuzeit und Aufklärung? Empfiehlt es sich der Differenzierungstheorie nicht vielleicht in Anbetracht großer, ganze Weltregionen betreffender Erklärungslücken heute erneut auch außereuropäische Autoren wie Ibn Kaldun oder Han Fei zu konsultieren? Usw. Zum Glück verfügt das Fach über keine Dogmatik, die es gegenüber solchen Fragen hinreichend zu immunisieren vermag und so werden wir mindestens einigen der hier angerissenen wunden Punkte in dieser Veranstaltung genauer nachgehen.
Mit der Disziplinierung des Faches um 1900, mit der Verschiebung seines Zentrums in die USA, nach Chicago, aber vor allem dann nach New York an die Columbia University und der dort etablierten, von der Strassenecke aus gar nicht mehr zugänglichen Großforschung, im Zuge der Studentenbewegung und seiner schnellen Expansion und heute im Wirbel der zahlreichen, aber schnell auch etwas albern wirkenden turns, gingen immer auch Fragestellungen und Erkenntnisse wieder verloren. Oft mit gutem Grund, aber sicherlich nicht immer. Hier kommt der Geschichtsschreibung der Disziplin auch eine kompensatorische, an die Kontingenz der eigenen Fragestellungen und Kategorien erinnernde Funktion zu. So wie sich die Soziologie im Ganzen auf die nicht schon im Selbstverständnis der jeweils Betroffenen bedachten oder gar explizit reflektierten Regelmäßigkeiten und Mechanismen des sozialen Miteinander, Gegeneinander und Aneinander-vorbei-Lebens konzentriert, dieses Selbstverständnis aber in Rechnung stellen muss, um eben die nicht-intendierten, vielleicht kommunikativ latenten, ja vielleicht nicht einmal bewussten und oft für den Einzelnen auch gar nicht transparenten Effekte und Funktionen zu analysieren, so soll hier in historischer Perspektive ein analoger Blick auf die Soziologie selbst und auf ihrer Vorgeschichte geworfen werden.
Eine Studienleistung kann durch vier Protokolle erworben werden; eine Prüfungsleistung durch eine Hausarbeit.

Literaturangaben

Friedrich Jonas, Geschichte der Soziologie, Opladen 1976.

Alain Desrosieres, Die Politik der großen Zahlen, Berlin 2005.

Volker Kruse, Geschichte der Soziologie, Konstanz 2008.

Edward Shils, The Calling of Sociology, Chicago 1980.

Perry Anderson, Über den westlichen Marxismus, Frankfurt/M. 1987.

Anthony Oberschall, Empirische Sozialforschung in Deutschland 1848-1914, Freiburg 1997.

Heinz Maus, A short history of sociology, London 1962.

Barbara Celarent (alias Andrew Abbott), Varieties of Social Immagination, Chicago 2017.

Lehrende

Termine (Kalendersicht )

Rhythmus Tag Uhrzeit Ort Zeitraum  
wöchentlich Di 14-16 H4 09.04.2018-20.07.2018
nicht am: 01.05.18

Klausuren

  • Keine gefunden

Fachzuordnungen

Modul Veranstaltung Leistungen  
30-IndiErg1 Überblick Soziologie (für Fachfremde) Geschichte der Soziologie Studieninformation
30-M4 Soziologische Theorie I Geschichte der Soziologie Studieninformation
veranstaltungsübergreifend benotete Prüfungsleistung Studieninformation

Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.

Studiengang/-angebot Gültigkeit Variante Untergliederung Status Sem. LP  
Studieren ab 50    
Konkretisierung der Anforderungen
Keine Konkretisierungen vorhanden
Lernraum
TeilnehmerInnen
Automatischer E-Mailverteiler der Veranstaltung
Änderungen/Aktualität der Veranstaltungsdaten
Sonstiges