Im späten 19. Jahrhundert wandelte sich die Judenfeindschaft in Europa grundlegend. An die Stelle religiös geprägter antijudaistischer Stereotype traten zunehmend säkulare, politische und rassistische Deutungsmuster, die „die Juden“ als vermeintlich fremdes und bedrohliches Kollektiv konstruierten. Antisemitismus wurde damit zu einer umfassenden Ideologie, die gesellschaftliche Krisenerfahrungen, politische Konflikte und Modernisierungsängste bündelte und sich im 20. Jahrhundert in immer radikaleren Formen artikulierte. In der nationalsozialistischen Verfolgung und der Shoah erreichte diese Ideologie ihren extremsten, genozidalen Ausdruck.
Im Seminar untersuchen wir die Entstehung und Ausformung dieses „modernen“ Antisemitismus und fragen nach seinen Kontinuitäten, Radikalisierungen und Transformationen im 19. und 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur historische Ereignisse, sondern auch antisemitische Vorurteilsmuster, Diskurse und Praktiken, die sich in ihnen artikulierten. Anhand ausgewählter Fallbeispiele und Quellen – etwa zur Dreyfus-Affäre, zur „Judenzählung“ im Ersten Weltkrieg, antisemitischer Gewalt in der Weimarer Republik oder der systematischen Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus – analysieren wir die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Konsequenzen der Judenfeindschaft. Antisemitismus wird dabei als wandelbares, zugleich jedoch erstaunlich persistentes Deutungsmuster und Weltanschauungsmodell („Chamäleon“, Monika Schwarz-Friesel) verstanden, das in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten Anschluss fand und bis heute wirksam ist.
Nach einer begrifflichen Einführung und einem kurzen Überblick über die Geschichte des Judenhasses in Antike und Mittelalter behandeln wir im Seminar die Entwicklung des Antisemitismus von der jüdischen Emanzipation bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Schwerpunkt liegt auf der deutschen Geschichte, wird jedoch durch transnationale Perspektiven ergänzt. Berücksichtigt werden zudem jüdische Handlungsspielräume und Formen der Gegenwehr. Ziel ist es, den Studierenden ein analytisches Instrumentarium an die Hand zu geben, um historische wie gegenwärtige Ausprägungen von Antisemitismus, seine Kontinuitäten und Wandlungsfähigkeit kritisch zu erkennen, einzuordnen und zu diskutieren.
Friedländer, Saul/Kenan, Orna, Das Dritte Reich und die Juden 1933–1945, Bonn 2010.
König, Mareike/Schulz, Oliver (Hrsg.), Antisemitismus im 19. Jahrhundert aus internationaler Perspektive, Göttingen 2019.
Longerich, Peter, Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute, Bonn 2021.
Nirenberg, David, Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens, München 2015.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum | |
|---|---|---|---|---|---|
| wöchentlich | Mi | 12-14 | 13.04.-24.07.2026 |
| Modul | Veranstaltung | Leistungen | |
|---|---|---|---|
|
22-3.2
Hauptmodul Moderne
Hauptmodul Moderne
3.2.1 |
Seminar Moderne | Studienleistung
benotete Prüfungsleistung |
Studieninformation |
|
22-3.8
Wahlfreies Hauptmodul
Wahlfreies Hauptmodul
3.2.1 |
Seminar | Studienleistung
benotete Prüfungsleistung |
Studieninformation |
Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.