In manchen Teilen der philippinischen Insel Palawan schwimmen Kinder nachweislich von ihrem Fischerdorf - mit Schulbüchern auf den Kopf gebunden – zu ihrer Schule auf der anderen Seite eines Meeresarms(1). In den Ohren europäischer Lehramtsstudierenden mag das Wort “Schwimmen” die Aufmerksamkeit erregen, mit vielleicht Mitgefühl mit den “armen Kindern”. Eigentlich sollte aber pädagogisch Professionellen vielmehr das Wort “Schule” aufstoßen, weil, wie kommt Schule nach Palawan und warum?
Vor weniger als 120 Jahren war - im europäischen Verständnis - die Mehrheit der Weltbevölkerung weitestgehend Analphabeten. Heute haben nicht nur die Mehrheit Fähigkeiten im Rechnen und Schreiben, sondern mehr als 20% erreichen den Abschluss einer höheren Bildung. Was aber sind die Effekte dieser be-schulten Gesellschaften(2) nicht nur auf die Schüler*innen, sondern auch auf Eltern, die Gemeinden, die Arbeitsmärkte und somit auf die ganzen Gesellschaften? Welche soziale Kräfte - ökonomische, politische und religiöse – hat das global beeinflusst?
Was uns bei Schule als Institution so normal erscheint ist aber auch in Europa geschichtlich relativ neu und hat gerade mal in den letzten 200 Jahren die “Normalen” von den “Abnormalen”(3) getrennt und in Deutschland zur gesetzlichen Schulpflicht geführt.
Andererseits haben Schulen eben nicht nur einen Alphabetisierungsauftrag, sondern sind auch kulturelle Sozialisierungen. Darauf wollen wir uns in diesem Seminar konzentrieren. Auch in unseren deutschen Schulen werden nicht nur die Formel von Pythagoras, das stumme H in der deutschen Grammatik und das formschöne Dribeln eines Basketballes gelehrt und gelernt, sonder auch, dass das umunstößlich wichtig ist und wie man in der Schule zu handeln hat(4).
Schule hat weltweit ganz unterschiedliche kulturelle Einflüsse auf Schüler*innen und ihre Familien. Das wird minimal schon in Deutschland an staatlichen versus Privaten Schulen sichtbar, aber noch mehr in anderen Ländern an ganz unterschiedlichen sichtbaren, wie unsichtbaren Lehrplänen. So berichtet Baily Supraya(5) von Nordindiens staatlichen Schulen, wie innerhalb von 15 Jahren der Einfluss nationalistisch-hinduistischen Tendenzen die Einstellungen von – aus mitteleuropäisch aufgeklärter Sicht – “normale” Mittelklassefamilien in einer wohlhabenden indischen Stadt in Richtung von Nationalismus, religiösem Extremismus und Genderungleichheit führte.
Wo führen unsere pädagogisch scheinbar neutralen Bildungsvorhaben und zugleich gesellschaftlichen Differenzen die deutschen Schulen in die Zukunft? Was erwartet deutsche Lehramtsstudierende, wenn sie als Lehrer*innen der Gen-Z den Eltern derselben Generationen und deren Kindern der Gen-Alpha usw. begegnen? Und, was veranschaulichen uns komparatistischen Sichtungen von Schulbeispielen aus aller Welt für unsere Professionalisierung als Lehrpersonen global und lokal?
In dieser Veranstaltung findet ein Platzvergabeverfahren statt. Bitte informieren Sie sich hier über den Ablauf: https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/erziehungswissenschaft/studium-und-lehre/studiendekanat/studienorganisation/platzvergabe/
1 … Schubert, Marleen & Mae Gilo, Joana (2025) Pippi Longstocking in Palawan
Childhood in the Philippine Jungle. Seminar-Essay in: Pippi Longstocking, the Police, and School: Pedagogical Considerations on Emancipation and School.
2 … Baker, David P. (2014) The Schooled Society : The Educational Transformation of Global Culture. Stanford University Press.
3 … Foucault, M. (2016). Abnormal. Lectures at the Collége de France, 1974–1975. London-New York: Verso.
4 … Ansgar Allen (2013). The Examined Life: On the Formation of Souls and Schooling American Educational Research Journal. Vol. 50, No. 2, 216–250
5 … Baily, Supriya (2024) Bangalore Girls: Witnessing the Rise of Nationalism in a Progressive City. Lanham: Rowman & Littlefield
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum | |
|---|---|---|---|---|---|
| wöchentlich | Do | 8-10 | X-E1-203 | 13.04.-24.07.2026
nicht am: 25.06.26 |
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| einmalig | Do | 08-10 | Y-1-201 | 25.06.2026 | einmalig am 25.06.2026 in Y-1-201 |
Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.