Die Vorstellung kommender Welten ist eine grundsätzlich moderne Wahrnehmung, die auf die Temporalisierung der Geschichte zurückgeht. Wie Reinhardt Koselleck zeigte, handelt sich um die Überzeugung, dass die Welt einem zeitlichen Prozess unterliegt, der eine Entwicklung vollzieht, die in der Vergangenheit beginnt, in der Gegenwart fortsetzt und in der Zukunft vollendet. Aus der Vielzahl der Geschichten des traditionellen Denkens wurde in der modernen Anschauung die eine Geschichte, der die gesamte Menschheit unterliegt. Der „Gang der Weltgeschichte“ (G.W.F. Hegel) wird vom Fortschritt bestimmt, bzw. von der Selbstverwirklichung des Geistes bzw. der Freiheit. Insbesondere in Frankreich erscheint der Prozess gesellschaftlicher Entwicklung sowie v.a. intellektueller aber auch moralischer Perfektionierung als „Zivilisation“, in der Mensch und Gesellschaft über sich hinauswachsen (Fr. Guizot).
Jedoch begegnen dem Fortschrittsglauben von Beginn an skeptische Betrachtungen, die nicht notwendig den Entwicklungsprozess der Geschichte in Frage stellen, wohl aber ihre Ausrichtung auf eine Zukunft verbesserter Lebensbedingungen und menschlicher Vervollkommnung. Auf zeitliche Utopien, die ab dem 18. Jh. ideale Gesellschaften der Zukunft vorstellen, antworten schon während der Aufklärung vereinzelt anti-utopische Romane über das Scheitern perfekter sozialer Organisation. In dem Maße, in dem utopische Visionen unter dem Eindruck des sich beschleunigenden Wandels im 19. Jh. zunehmen, werden im Gegenzug Dystopien entworfen, die eine Zukunft anschaulich machen, in der die gesellschaftliche Entwicklung zu Verschlechterungen der Lebensbedingungen führt. Von großer Bedeutung ist, dass bereits in der Aufklärung und insbesondere im 19.Jh. nicht nur über die Entfaltung der Zivilisation diskutiert wird sondern auch über ihren Niedergang und Verfall. Das historische Paradigma ist zunächst die Dekadenz des spätrömischen Reiches. Jedoch schon in der deutschen Romantik und v.a. gegen Ende des 19. Jh. verknüpft sich das Denken der Dekadenz mit der Philosophie der Geschichte. In dieser Perspektive erscheint der als französisch verstandene Rationalismus als Ursache des zivilisatorischen Verfalls, dem eine germanisch konnotierte Vitalität entgegengestellt wird.
In der ersten Hälfte des 20. Jh. radikalisieren sich die Vorstellungen zivilisatorischen Verfalls, was auch zu den Voraussetzungen der Weltkriege sowie des Nationalsozialismus und Faschismus zählt. Zugleich widmen sich kommunistische bzw. sozialistische Regimes dem Aufbau einer „neuen Gesellschaft“ und der Schaffung eines „neuen Menschen“, deren totalitärer Zwangscharakter zu dystopischen Zukunftsdeutungen allumfassender Herrschaft führt. Zu Beginn des 21.Jh. überwiegen dystopische Zukunftsvisionen, und es machen sich wiederum Visionen zivilisatorischen Niedergangs bemerkbar. Auch jetzt bilden sich Bewegungen, die Erneuerung suchen und sich den Bruch mit gegenwärtigen Gesellschaftsentwicklungen zum Ziel setzen.
Die Literatur hatte immer einen wesentlichen Anteil an modernen Debatten über den historischen Prozess der Zeit. Dies gilt insbesondere für düstere Zukunftsaussichten: Die Dystopie ist eine literarische Gattung, die Dekadenz eine literarische Strömung. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass insbesondere die Literatur im 20. Jh. Ansätze vorgelegt hat, die sich vom historischen Denken der Moderne lösen und statt Zukunftsentwicklungen Formen und Konsequenzen zeitlicher Dauer in den Mittelpunkt stellen.
| Frequency | Weekday | Time | Format / Place | Period | |
|---|---|---|---|---|---|
| weekly | Do | 16-18 | V2-205 | 07.04.-18.07.2025
not on: 5/1/25 / 5/29/25 / 6/19/25 |
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| one-time | Di | 16-18 | B2-241 | 22.07.2025 |
The binding module descriptions contain further information, including specifications on the "types of assignments" students need to complete. In cases where a module description mentions more than one kind of assignment, the respective member of the teaching staff will decide which task(s) they assign the students.