Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik und Bildungstheorie
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Stellvertreter
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Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik und Bildungstheorie
Bildung ist Widerstand
学 ・ 問 ・ 抗
Lernen · Fragen · Widerstehen
Meine Professur beschäftigt sich mit einer simplen, aber zugleich komplexen Frage:
Was geschieht, wenn Menschen sich bilden?
Bildung verstehe ich dabei nicht in erster Linie als Erwerb von Wissen oder Kompetenzen. Menschen bilden sich, wenn ihre bisherigen Gewissheiten fragwürdig werden, wenn sie etwas anders wahrnehmen als zuvor und wenn sich dadurch ihr Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Welt verändert.
Darin liegt für mich auch eine widerständige Kraft von Bildung.
Bildung ist Widerstand
Widerstand bedeutet hier nicht, grundsätzlich dagegen zu sein. Er beginnt viel früher: wenn wir uns nicht vorschnell festlegen lassen; wenn wir Erwartungen, Kategorien und vermeintliche Selbstverständlichkeiten unterbrechen; wenn wir bereit sind, auch die eigenen Überzeugungen erneut zum Gegenstand einer Frage zu machen.
Diese Bewegung fasse ich für meine Professur in drei Zeichen:
学 ・ 問 ・ 抗
Lernen · Fragen · Widerstehen
Im Zentrum steht für mich das Fragen (問). Eine wirkliche Frage unterbricht den unmittelbaren Übergang von Erfahrung zu Antwort. In dieser Unterbrechung entsteht ein Zwischenraum – 間, ma. Ein Moment, in dem noch nicht feststeht, was etwas bedeutet, wer jemand ist oder wie gehandelt werden muss.
Diesen Zwischenraum halte ich für einen wesentlichen Ort von Bildung.
Bildung im Feld der Beziehungen
Ein Schwerpunkt meiner Forschung liegt deshalb auf Theorien, die das menschliche Selbst nicht als abgeschlossene, autonome Einheit verstehen.
Besonders beschäftige ich mich mit der japanischen Kyoto-Schule, insbesondere mit dem Denken Nishida Kitarōs, und mit ihren Verbindungen zu westlichen Traditionen der Bildungsphilosophie und Pädagogik. Begriffe wie reine Erfahrung (純粋経験, junsui keiken), Ort (場所, basho) und absolute Nichtsheit (絶対無, zettai mu) eröffnen eine Perspektive, in der Erfahrung nicht von einem bereits fertigen Subjekt ausgeht. Das Selbst entsteht vielmehr in Beziehungen, Situationen und Vollzügen.
Darin sehe ich wichtige Anschlüsse an pädagogische Fragen der Gegenwart.
Was verändert sich, wenn wir Schüler*innen nicht zuerst als Träger bestimmter Eigenschaften, Defizite oder Kompetenzen betrachten? Was bedeutet Professionalität, wenn pädagogische Situationen grundsätzlich mehrdeutig bleiben? Und wie können Lehrer*innen verantwortlich handeln, ohne Menschen vorschnell auf Kategorien festzulegen?
Im Dialog mit westlichen Ansätzen – insbesondere mit John Deweys Theorie der Erfahrung, mit Bildungstheorie, Phänomenologie, Professionalisierungsforschung und Allgemeiner Didaktik – untersuche ich deshalb Bedingungen, unter denen Erfahrungen bildend werden können.
Dabei interessieren mich zunehmend auch Leiblichkeit, Präsenz und Innehalten. Pädagogisches Wahrnehmen beginnt nicht erst mit einer theoretischen Deutung. Manchmal besteht Professionalität gerade darin, eine Situation zunächst auszuhalten, genau hinzusehen und die schnelle Antwort zurückzustellen.
Nicht-Wissen ist dann kein Mangel an Professionalität, sondern kann deren Ausgangspunkt sein.
Lehrer*innenbildung als Arbeit am eigenen Sehen
Diese Fragen bestimmen auch meine Lehre.
Lehrer*innenbildung bedeutet für mich nicht, Studierende möglichst schnell mit Rezepten für „guten Unterricht“ auszustatten. Pädagogische Situationen sind dafür zu komplex. Professionelles Handeln verlangt Wissen und Können – aber ebenso die Fähigkeit, Situationen wahrzunehmen, Urteile zu begründen, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und Entscheidungen revidieren zu können.
Deshalb interessiert mich in der Lehrer*innenbildung besonders eine verantwortete Offenheit: die Fähigkeit, wissenschaftlich informiert zu urteilen und zugleich offen dafür zu bleiben, dass eine Situation auch anders verstanden werden kann.
Dazu gehört ein professioneller Blick auf Heterogenität ebenso wie die Auseinandersetzung mit didaktischen Modellen, Kompetenzorientierung, institutionellen Bedingungen von Schule, pädagogischen Antinomien und Fragen von Bildung und Ungleichheit.
Dabei geht es immer auch um die eigene Beteiligung.
- Wer beobachtet?
- Mit welchen Begriffen?
- Welche Unterschiede werden dadurch sichtbar – und welche vielleicht erst erzeugt?
- Und was geschieht mit einer pädagogischen Situation, wenn wir unsere eigene Perspektive verändern?
Lehre folgt Dramaturgie
Meine Lehrveranstaltungen verstehe ich deshalb nicht als Ansammlung einzelner Sitzungen.
Ein Seminar sollte eine Geschichte erzählen.
Theorien und Begriffe stehen nicht nebeneinander, sondern treten miteinander in Beziehung. Fragen werden eröffnet, zunächst vielleicht nur vorläufig beantwortet, später wieder aufgenommen und unter einer veränderten Perspektive neu gestellt.
Ich plane Lehre deshalb bevorzugt in größeren thematischen Blöcken. Ein solcher Block kann bei der eigenen Erfahrung beginnen, diese durch wissenschaftliche Theorie irritieren, mit empirischen oder kasuistischen Materialien konfrontieren und schließlich zu einer erneuten Betrachtung der Ausgangsfrage führen.
Gerade in der Lehrer*innenbildung kann eine solche Dramaturgie beispielsweise von der eigenen Schüler*innenbiografie über die Schule als Institution zu den Widersprüchen professionellen pädagogischen Handelns führen.
Dabei sollen Theorie und Erfahrung nicht gegeneinander ausgespielt werden. Theorie kann Distanz schaffen. Erfahrung kann Theorie irritieren. Fälle können zeigen, wo Begriffe tragen – und wo sie an ihre Grenzen geraten.
Auch Texte, Literatur, Film, Kunst und andere kulturelle Formen können deshalb zum Material erziehungswissenschaftlicher Reflexion werden, wenn sie etwas sichtbar machen, das sich begrifflich allein nur schwer erfassen lässt.
Mein Ziel ist nicht, dass am Ende einer Lehrveranstaltung alle dieselben Antworten geben.
Ich möchte vielmehr,
Anfängergeist
Eine wichtige Figur dafür entnehme ich dem Zen: 初心 – shoshin, der Anfängergeist .
Anfängergeist bedeutet nicht, nichts zu wissen. Gerade Wissenschaft verlangt gründliches Wissen, genaue Lektüre und begründetes Argumentieren.
Shoshin bezeichnet vielmehr die Fähigkeit, sich trotz dieses Wissens von einer Sache noch überraschen zu lassen.
Für professionelles pädagogisches Handeln halte ich diese Haltung für zentral: Kenntnisse besitzen, ohne die konkrete Situation bereits durch sie entschieden zu haben. Erfahrung ernst nehmen, ohne sie zum alleinigen Maßstab zu machen. Urteilen – und gleichzeitig die Möglichkeit der Revision offenhalten.
Vielleicht lässt sich meine Vorstellung von Universität und Lehrer*innenbildung deshalb auf eine einfache Bewegung verdichten:
- lernen,
- fragen,
- innehalten,
- anders sehen,
- urteilen –
- und, wo es notwendig ist, widerstehen.
Meine eigenen theoretischen Positionen sind davon selbstverständlich nicht ausgenommen.
Studierende müssen sie nicht übernehmen. Begründeter Widerspruch gehört ausdrücklich zu meiner Vorstellung von universitärer Lehre.
Denn Bildung, die keinen Widerspruch mehr zulässt, wäre keine.
Poster
SchuB - Schulwahl und Bildungsaspiration
congo@schools (Forschungsgruppe Zielkonflikte)
HLZ | Herausforderung Lehrer_innenbildung - Zeitschrift zu Konzeption, Gestaltung und Diskussion
VfL Praxis
Bildung und Befähigung: Eine qualitative Studie zu kritisch-konstruktiver Didaktik und Capabilities Approach
kleinere und ruhende Vorhaben
Tagungsorganisation
Bildung im Feld der Leere
Meine Professur befasst mit dem Verständnis von Bildung als leiblich situiertes Geschehen im Feld der Leere, in dem sich Subjektivität, Weltbezug und Selbstverständnis in reiner Erfahrung jeweils neu konstituieren.
Diese Perspektive verbindet die japanische Kyoto-Schule der Philosophie mit westlicher Phänomenologie, Inklusions- und Professionalisierungsforschung. Sie eröffnet neue Wege, wie wir Lehren und Lernen – und damit auch Lehrkräftebildung – verstehen können.
1. Kyoto-Schule der Philosophie
Reine Erfahrung · Ort · Absolute Nichtsheit
Die Kyoto-Schule (Nishida, Nishitani u. a.) überwindet die westliche Subjekt-Objekt-Dichotomie durch das Konzept der reinen Erfahrung (junsui keiken) – eines Erlebensmodus, in dem Selbst und Welt gleichzeitig entstehen. Der Ort (basho) ist dabei nicht bloß räumlich, sondern der Grund, aus dem Relationen und Bedeutungen hervortreten. Die absolute Nichtsheit (zettai mu) ist nicht nihilistisch, sondern der schöpferische Horizont, in dem jegliche Fixierung aufgehoben wird.
Pädagogisch heißt das: Bildung ist Verortung in einem offenen Feld der Möglichkeit.
2. Selbst-Losigkeit (muga)
Nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis · Emergent · Prozessual
Im Unterschied zu westlichen Subjekttheorien versteht die Kyoto-Schule das Selbst nicht als substanzielle Einheit. Das buddhistische Konzept der Selbst-Losigkeit (muga / anātman) besagt: Das Selbst ist leer von fester Essenz und emergiert in relationalen Vollzügen. Selbst-Negation (jiko hitei) ist dann nicht Verlust, sondern Öffnung – die Bedingung dafür, dass sich Menschen in Situationen neu konstituieren können.
Pädagogisch heißt das: Inklusion ist die Schaffung von Situationen, in denen gemeinsame Selbstwerdung möglich wird.
3. Phänomenologie: Leere & Nichts
Unmittelbare Erfahrung · Ermöglichende Leere · Kritik der Überstrukturierung
Während westliche Pädagogik Leere oft als Mangel versteht (leere Zeit = Zeitverschwendung), setzt diese Perspektive Leere als produktiven, ermöglichenden Raum an. Nicht-Wissen, Nicht-Festgelegtheit, Momente der Stille sind nicht Defizite, sondern die Bedingung echten Lernens. Das Konzept ermöglicht eine Kritik der Überakademisierung: Wo bleibt Raum für die Offenheit des Nichts?
Pädagogisch heißt das: Gutes Lehren ist bewusstes Offenhalten von Leerstelllen.
4. Embodied Educational Experience
Leiblichkeit als Welterschließung · Körperwissen · Atmosphären
Lernen ist nicht kognitive Akkumulation, sondern leibliche Transformation. Der Körper ist nicht Vehikel, sondern Ort der Erfahrung und Weltkonstitution. Das bedeutet: Die Stimme einer Lehrkraft, ihre Präsenz im Raum, ihre Gestik – all das prägt Lernumgebungen fundamental. Auch für Schüler*innen mit körperlichen Beeinträchtigungen: Andere Leiblichkeit ist nicht Defizit, sondern anderer Modus der Welterschließung.
Pädagogisch heißt das: Professionell sein heißt, die leibliche Erfahrung des Anderen zu ermöglichen.