Erziehung und Bildung tragen, so der italienische Marxist und Intellektuelle Antonio Gramsci, wesentlich dazu bei, die Reproduktionsfähigkeit einer Gesellschaft zu sichern. Nur wenn es dem Erziehungs- und Bildungssystem gelingt, dem Beschäftigungssystem die notwendigen Humanressourcen zur Verfügung zu stellen, kann die Produktivität gewährleistet werden. Umgekehrt sind auch die Menschen darauf angewiesen, sich die Kompetenzen und Fähigkeiten anzueignen, die dem aktuellen technischen und kulturellen Stand der Gesellschaft entsprechen. Gramsci hat in diesem Zusammenhang von der Ausbildung eines bestimmten Arbeiter- und Menschentypus gesprochen, der den Anforderungen der Zeit entspricht. Doch Gramsci ging auch davon aus, dass sich Menschen durch Bildung nicht nur Verwertungswissen aneignen, sondern immer auch Kompetenzen, die sie zu Selbstbestimmung, Kritik und Widerstand befähigen. Nun ist der gegenwärtige neoliberale Kapitalismus aber paradoxerweise gerade dadurch gekennzeichnet, dass er auf Kompetenzen wie Selbststeuerung, Autonomie, Kreativität oder Kritik zurückgreift, die einst ein Widerstandspotential gegen eine ökonomische Zurichtung bildeten.
Unter diesen Verhältnissen stellt sich freilich die Frage, wie Bildung noch zur Emanzipation und Loslösung des Menschen aus Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen beitragen kann, wenn die ganze Persönlichkeit in die herrschende Produktionsweise integriert wird. Wie kann Bildung in Befreiung münden, wenn ihr Subjektentwurf den Herrschaftsverhältnissen gar nicht entgegengesetzt ist? Selbst Kritikfähigkeit, Reflexion oder nonkonformes Denken scheinen heute keinen Ausgang mehr aus Fremdbestimmung zu markieren, sondern Teil eines neuen Verwertungsregimes zu sein. Die Anforderung an eine kritische Bildung liefe somit darauf hinaus, das Verständnis einer gelungenen Subjektivität neu zu überdenken.
In diesem Seminar soll zunächst die Frage behandelt werden, welchen Beitrag Gramsci zu einer kritischen Pädagogik und Bildung leistet. Dazu sollen zentrale Begrifflichkeiten wie "Hegemonie", "pädagogisches Verhältnis" oder "Kollektivmensch" erschlossen und auf ihren pädagogischen Gebrauchswert hin untersucht werden. Darauf aufbauend soll überlegt werden, welcher Menschen- und Arbeitstyp heute durch unser Bildungssystem produziert wird. Wie lässt sich dieser Menschentyp beschreiben, welche Kompetenzen hat er und welche Arbeits- und Lebensweise ist ihm eigen? In wieweit findet sich dieser "Kollektivmensch" in der Realität wieder und wo bleibt er eine Abstraktion? Schließlich soll erkundet werden, wie Bildung dazu beitragen kann, geltende gesellschaftliche Normen, Zwänge und Strukturen zu überschreiten und an einer Freiheitsperspektive zu arbeiten.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum |
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| Studiengang/-angebot | Gültigkeit | Variante | Untergliederung | Status | Sem. | LP | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Erziehungswissenschaft (Kernfach) / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Kernfach | BE 3.2 | 3/5 | AT oder EL b | ||
| Frauenstudien | (Einschreibung bis SoSe 2015) | ||||||
| Pädagogik / Erziehungswissenschaft / Diplom | (Einschreibung bis SoSe 2008) | G.2.2 | GS | ||||
| Unterrichtsfach Pädagogik / Master of Education | (Einschreibung bis SoSe 2014) | MU.1.3 | 2 | ||||
| Unterrichtsfach Pädagogik / Master of Education | (Einschreibung bis SoSe 2014) | MU.2.1; MU.2.3 | 3 |