300661 Dekolonisierung von Geschlecht und Sexualität. Zentrale Ansätze und Forschungsfelder (MA: Soziologie und Anthropologie der globalen Welt) (S) (WiSe 2026/2027)

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Dekolonisierung von Geschlecht und Sexualität. Zentrale Ansätze und Forschungsfelder
Geschlechterforschung baut auf der Annahme auf, dass Geschlecht und Sexualität zentrale, für die Verfasstheit euro-amerikanischer Gesellschaften konstitutive Elemente sind. In der Folge hat Geschlecht als Analysekategorie einen hohen erkenntnistheoretischen Stellenwert in diesen Kontexten. Global betrachtet verbindet sich dies mit einem epistemischen Vorrang des euro-amerikanischen Theoriefeldes. Er resultiert daraus, dass dieser Theoriekorpus weitgehend einen universalen Erklärungswert beansprucht. Dem steht entgegen, dass dieser Korpus aufs Engste an seinen Entstehungskontext, und damit an den gesellschaftlichen Sinn- und Wissenshorizont bürgerlicher, euro-amerikanischer Gesellschaften und ihrer heteronormativen Geschlechterordnung gebunden ist.
Diese Ordnungsvorstellung hat zudem maßgeblich zur Begründung und Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaftsverhältnisse beigetragen. Mit anderen Worten: Geschlecht ist eine koloniale Kategorie, weil im Kolonialismus ein Geschlechtssystem etabliert wurde, das kolonisierte Personen qua geschlechtlicher Zuschreibung ausbeutete und unterdrückte. Geschlecht kommt für die Aufrechterhaltung kolonialer Verhältnisse folglich eine zentrale Bedeutung zu.
Auch unter den heutigen post- und neo-kolonialen Bedingungen sind Geschlecht und Sexualität bedeutsame strukturelle, institutionelle und symbolische Anker postkolonialer Wissensproduktion. In der sozialwissenschaftlichen Forschung wurde der Kolonialismus bis zum Ende des 20. Jahrhunderts allerdings kaum als geschlechtsspezifisches System der Ausbeutung und Unterdrückung verstanden; auch war das Bewusstsein für die Mitwirkung weißer Frauen am Kolonialismus in den 1980er und 1990er Jahren noch gering.
Ausgangspunkt des Seminars ist daher die Frage, wie sich Geschlecht als koloniale Wissenskategorie historisch ausdifferenziert hat und bis heute reproduziert wird. Neben der Bedeutung der „Geschlechterfrage“ für den Kolonialismus wird hierzu in einem ersten Schritt auch kurz die Mitwirkung weißer Frauen im Kolonialismus bedacht. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen aber die Formen, in denen koloniale Denkmuster in der euro-amerikanischen Geschlechterforschung – und damit in unserem weißen Denken – kontinuieren. Kolonialismus manifestiert sich dabei nicht nur auf materieller Ebene als Gewalt- und Ausbeutungsverhältnis, sondern ebenso auf der Ebene des Erlebens und der Orientierung in der Welt, und des darin verankerten Wissensvorrats. Dies schließt die Nichtbeachtung oder auch Abwertung nichtwestlicher Erfahrungs- und Wissensformen ein. Im Kern zielt das Seminar auf die Dekonstruktion kolonialer Epistemiken und Wissensformen. Dies schließt u.a. eine vertiefte Einsicht darin ein, wie tiefgehend Kolonisierung von der gewaltvollen Implementierung der heteronormativen Matrix, der Idee der Natürlichkeit von Geschlecht und des Dimorphismus getragen war; u.a. mit der Folge, dass vielfach fluide oder non-binäre Vorstellungen von Geschlecht – jenseits physischer Materialität – überschrieben oder gewaltvoll ausgetilgt wurden.
Zur Dekolonisierung euro-amerikanischer Wissensbestände werden unterschiedliche Theoretiker:innen und Konzepte herangezogen, wie etwa Lila Abu-Lughod, Leila Ahmed, Zara Ali, Patricia Hill Collins, María Lugones Amina Mama, Fatima Mernissi, Yuderkis Espinosa-Minosa, Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí, Vrushali Patil, Jyoti Puri, Rita L. Segato, Gayatri Chakravorty Spivak, Mara Vivera Vigoya.

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weekly Di 14-16   12.10.2026-05.02.2027

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30-M-Soz-M8a Sociology of the Global World a Seminar 1 Study requirement
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30-M-Soz-M8c Sociology of the Global World c Seminar 1 Study requirement
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