Dass Descartes die Philosophie der Neuzeit einleitet, ist seit Hegel geläufig:
"Hier...sind wir zu Hause, und können, wie der Schiffer nach langer Umherfahrt auf der ungestümen See "Land" rufen; Cartesius ist einer von den Menschen, die wieder mit Allem von vorn angefangen haben; und mit ihm hebt die Bildung, das Denken der neueren Zeit an".
Descartes war überzeugt, dass der menschliche Geist, methodisch angeleitet, Wissen von Gott und Welt zu erwerben imstande ist, ohne auf Buchautoritäten angewiesen zu sein. Leitend ist bei diesem Denkansatz die Klarheit und Eindeutigkeit mathematischer Sätze, der "mos geometricus". Er wird zum Vorbild rationaler Diskurse. Einzig der gesunde Menschenverstand (bon sens) ist dabei vorausgesetzt.
Der Zweck aller Wissenschaft ist eine Praktische Philosophie, die lehrt, uns zu "Herren und Eigentümern der Natur" (Maitrês et possesseurs de la nature) zu machen. Diese Parole der frühen Aufklärung, die sich auf Gen 1, 28f. berufen konnte, klingt heute auch für christlich-theologische Ohren eher befremdlich.
Gemäß dem Denken, das "mit Allem von vorn anfängt", tritt die Frage nach Gott im Aufbau des Wissens zutage, aufgegeben durch eine Idee im menschlichen Geist. Sie wird mit philosophischer Demonstration beantwortet.
Die große Wirkung, die der methodische Rationalismus von Descartes auf Philosophie und Wissenschaft in der Folgezeit entfaltete, stellte die Position seines Freundes Blaise Pascal in den Schatten. Sie ist eine Alternative der Frühaufklärung zum cartesischen Ansatz. Physiker und Mathematiker wie Descartes, sah er ein Missverhältnis, eine "disproportion" zwischen der Kraft der Vernunft zur Welterkenntnis und dem Elend unserer leibgebundenen Existenz in der Natur ("versprengt in einem Winkel des Universums"). Diesem Zwiespalt gab er den Namen conditio humana.
Theologisch war im Denken Pascals nicht der Gott der Philosophen verbindlich, sondern "der Gott Abrahams, Isaacs und Jacobs". In diesem Zusammenhang ist für Pascal die persönliche Erfahrung der Begegnung mit dem Gott Jesu Christi von wesentlicher Bedeutung. Schriftlich legte Pascal dies nieder in seinem Erinnerungsblatt (Memorial) von 1654. Für Pascal isst Erfassen von Gottes Wirklichkeit Gnade, mit der Konsequenz, "dass der Mensch Gott nur erreicht, wenn er von ihm erreicht wird im Geschehnis der Gnade" (A. Rich).
Wie sich bei beiden Denkern Gott, Welt und Mensch zueinander verhalten und welche Wege der Wahrheitsfindung sie einschlagen, soll im Seminar erfragt werden.
Zur Anschaffung empfehlen wir:
René Descartes, Discours de la Methode (frz.-dt), PhB Bd.261, Meiner-Verlag
Meditationes de prima Philosophia (lat.-dt), PhB Bd. 250a, Meiner Verlag
Blaise Pascal, Gedanken über die Religion und einige andere Themen (Pensées) , Reclam Nr. 1622,
Literatur (wird im Apparat bereitgestellt):
Gerhard Krüger, Die Herkunft des philosophischen Selbstbewusstseins, 1962
L.J.Beck, The Metaphysics of Descartes. A Study of the Meditations, 1965
R. Specht, R. Descartes (1596-1650). in: Klassiker der Philosophie, hrsg. von O.Höffe, Bd.1,3.Aufl. 1994
Jean Steinmann, Pascal, ins Dt. übers. von Graf Coudenhove, 2.Aufl. Stuttgart 1962
Ulrich Kirsch, Blaise Pascals "Pensées" (1656-1662). S<systematische Gedanken über Tod, Vergänglichkeit und Glück, Freiburg 1989
Gerhard Büsing, Das Memorial. Dokument einer fraglichen Gewissheitserfahrung, Egelsbach 1995
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