Am 16. Juli 1799 traf Alexander von Humboldt in Cumaná, Venezuela, ein, um seine berühmte, fünfjährige Expedition durch Lateinamerika zu beginnen. In der Folge verfasste er 31 Bände zu Themen wie politische Ökonomie, Statistik, Demografie, Landwirtschaft, Sklaverei, Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geologie und Altertumskunde. Humboldts Betrachtungsweise des „America Tropical ” wurde zum Vorbild für Reisende und creolische Naturforscher. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründeten schließlich creolische Eliten wissenschaftliche nationale Gesellschaften, die die Industrialisierung und den Fortschritt ihrer Nationen vorantreiben wollten. Später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, spielte die Bekämpfung von Tropenkrankheiten eine entscheidende Rolle für den US-Imperialismus in der Karibik sowie für den internen Siedlerkolonialismus. In den 1930er Jahren, als Wirtschaftsmissionen das Modernisierungsmodell des New Deal übertrugen, wurde amerikanisches Fachwissen hegemonial. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterfragten lateinamerikanische Experten das Wissen der US-Experten – von der Infrastruktur bis zur Bevölkerungskontrolle.
In der Übung „Lateinamerika als (post)kolonialer Wissensraum” werden wir Tagebücher und Schriften von Naturforschern und Geologen aus dem 19. Jahrhundert sowie Berichte von US-amerikanischen und lokalen Experten über Bevölkerung, Landwirtschaft und Staudämme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts analysieren. Dabei werden wir nachzeichnen, wie sich Lateinamerika im 19. Jahrhundert zu einem Raum kolonial-holistischen Wissens entwickelte, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in standardisiertes und spezialisiertes Wissen über Entwicklung und Modernisierung verwandelte.
In der Übung werden neben deutschen auch spanische, und englische Forschungstexte und Quellen diskutiert. Dafür sind keine umfassenden Sprachkenntnisse erforderlich, erwartet werden aber Grundkenntnisse in beiden Sprachen sowie die Bereitschaft, sich regelmäßig spanisch- und englischsprachige Texte selbständig zu erschließen.
Cañizares-Esguerra, Jorge, und Neil Safier. „Science and Independence in the Spanish and Portuguese Americas“. The Cambridge Companion to Latin American Independence, Cambridge University Press, 2023, 153.
Castro-Gómez, Santiago. „Aufklärung als kolonialer Diskurs. Humanwissenschaften und kreolische Kultur in Neu Granada am Ende des 18. Jahrhunderts“. Dissertation, Johann Wolfgang-Goethe-Universität, 2005.
Conrad, Sebastian. „Enlightenment in Global History: A Historiographical Critique“. The American Historical Review 117, Nr. 4 (2012): 999–1027
Fischer, Georg. Globalisierte Geologie: eine Wissensgeschichte des Eisenerzes in Brasilien (1876-1914). Reihe „Globalgeschichte“. - Frankfurt, M. : Campus Verlag, 2017
Gänger, Stefanie. „Non-Western Scholars, Bourgeois Virtues, and the International Scientific Community in the Age of Empire, 1870–1920“. The Historical Journal 67, Nr. 4 (2024): 769–84
Huhle, Teresa. „Lateinamerika ist ein Paradies für Demografen und ein Albtraum für Planer" - in: Rinke, Stefan; González de Reufels, Delia (Hg.): Expert Knowledge in Latin American History: Local, Transnational, and Global Perspectives, Stuttgart: Verlag Hans Dieter Heinz 2014, S. 333-358.
Lorenzini, Sara. Global Development. Princeton University Press, 2019
Peters, Christine. „Alexander von Humboldt: Vergleichen und Wissen(schaft)“. In Die Weltreiseberichte von Humboldt, Krusenstern und Langsdorff. De Gruyter, 2022.
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Schulze, Frederik. Wissen im Fluss: der lateinamerikanische Staudammbau im 20. Jahrhundert als globale Wissensgeschichte. Geschichte der technischen Kultur, Band 15. Brill Schöningh, 2022.
Οsterhammel, Jürgen. “Forschungsreise und Kolonialprogramm”. Archiv für Kulturgeschichte 69, núm. 1 (1987): 150–95
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum | |
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| wöchentlich | Mo | 10:00-11:40 (s.t.) | unveröffentlicht | 13.04.-24.07.2026 |
| Modul | Veranstaltung | Leistungen | |
|---|---|---|---|
| 22-2.1 Theoriemodul Theoriemodul | Übung Sprache | Studienleistung
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Studieninformation |
| 22-2.2_a Methodikmodul Methodikmodul | Übung Sprache | Studienleistung
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Studieninformation |
| 22-B4 Profilmodul Geschichtswissenschaft Profilmodul Geschichtswissenschaft | Historische Orientierung | Studienleistung
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Studieninformation |
| 22-Latam-G Lateinamerikanische Geschichte Lateinamerikanische Geschichte | Historische Orientierung | Studieninformation |
Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.
Die Studienleistung beinhaltet eine Quelleninterpretation (in 3er und 4er Gruppen), die Sie in einer der letzten drei Sitzungen des Kurses im Plenum in 15-20 Min vorstellen. Rechnen Sie mit einem Schreib- bzw. Notizaufwand von insgesamt ca. 3-4 Seiten.