301202 Foucaults Konzept der "Disziplinargesellschaft" - in der Tradition der klassischen Politischen Theorie (S) (SoSe 2026)

Inhalt, Kommentar

Michel Foucault hat 1978 vor der Société Française de Philosophie einen wichtigen Vortrag gehalten, in dem er eine detaillierte Antwort auf die Frage "Was ist Kritik?" entwickelt. Unter Bezugnahme auf Kants klassischen Text "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" profiliert Foucault "Kritik" als "Haltung", die sich gegen ein "Regiert-werden" stellt und von dem Wunsch getragen ist: "nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert" zu werden!

Ob dieser kritische Impetus für das gesamte Werk von Foucault bezeichnend ist, sei hier dahingestellt. Ganz sicher aber durchzieht dieser kritische Impetus Foucaults berühmtes Werk "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses" (1977; franz. Original: "Surveiller et punir. La naissance de la prison", 1975). Dieses Buch bietet weit mehr, als der Untertitel verheißt, geht es doch in ihm nicht nur um die "Geburt" und Geschichte und Entwicklung des Gefängnisses als sozialer Institution, sondern um die Geschichte und Entstehung der modernen Gesellschaft als einer der sozialen Befriedung und der Ein- und Unterordnung des Individuums. In diesem Sinne stellt uns Foucault die moderne Gesellschaft in seinem Buch als "Disziplinargesellschaft" vor.

Das Buch "Überwachen und Strafen" soll im Mittelpunkt des Seminars stehen. Aber starten werden wir mit der Lektüre und Diskussion des eingangs erwähnten Textes "Was ist Kritik?" Die Auseinandersetzung mit diesem Text soll uns die Folie bieten für die Auseinandersetzung mit "Überwachen und Strafen" und den weiteren Texten, die wir uns in dem Seminar vornehmen werden: und soll uns eine Basis bieten für die "kritische" Auseinandersetzung mit all den "Diszplinierungen", von denen diese Texte handeln.

In dem Seminar wollen wir also nicht bei Foucaults "Überwachen und Strafen" stehen bleiben, sondern diesen Text mitsamt seinem zentralen Konzept der "Disziplinargesellschaft" als in der Tradition der klassischen abendländischen Politischen Philosophie und Politischen Theorie verankert lesen.

Dafür soll exemplarisch auf zwei herausragende Vertreter der klassischen Politischen Philosophie und Theorie Bezug genommen werden: auf G.W.F. Hegel und Carl Schmitt. Ersterer hat in seiner "Philosophie des Rechts" (1821) die "bürgerliche Gesellschaft" als durch den modernen Staat gesetzte und sie normativ kontrollierende gesellschaftlich-wirtschaftlich-kulturelle Ordnung begriffen. Carl Schmitt ist ihm in seinen Schriften wie "Verfassungslehre" (1928), "Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität" (1922) oder "Der Begriff des Politischen" (1932) darin gefolgt. Carl Schmitt wird momentan wieder einmal neu entdeckt, auch und gerade in Amerika: vermutlich stehen die schönen Dunker & Humblot-Bände, ganz sicher aber vor allem das Schmittsche Spätwerk "Der Nomos der Erde" (1950, amerik. Übersetzung 2003; dazu die Rezension "Neuer Nomos. Carl Schmitt und Amerika" von Henning Ritter in der FAZ vom 09.04.2003) im Handapparat des Oval Office!

In der Lektüre der Werke von Foucault, Hegel und Schmitt (vielleicht schieben wir auch noch einen Marx-Text dazwischen!) werden wir sehr viel über die moderne Gesellschaft lernen - die gerade auch in ihrer liberalen Tradition durch und durch eine "Disziplinargesellschaft" ist. Ausgangspunkt soll - wie gesagt - der Text "Was ist Kritik?" sein. Mit dem wir uns eine - im genuin Foucaultschen Sinne - "kritische" Haltung erarbeiten wollen, die die Seminardiskussionen tragen soll. An dieser Stelle muss unbedingt das Wort zitiert werden, das Kant in seiner Schrift über die "Aufklärung" dem Preußenkönig Friedrich II in den Mund legt: "Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!" Foucaults "Disziplinargesellschaft" hat eine lange Tradition!

Teilnahmevoraussetzungen, notwendige Vorkenntnisse

Eine Begeisterung für die Lektüre nicht ganz einfacher sozialwissenschaftlicher, politisch-theoretischer und philosophischer Texte ist vorausgesetzt. Diese Begeisterung gegeben, sollten an dem Seminar auch Studenten und Studentinnen in den Anfangssemestern teilnehmen können.

Literaturangaben

Michel Foucault, Was ist Kritik?, 1992 (pdf-Dokument wird im Lernraum zur Verfügung gestellt)
ders, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, 1977
G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke 7, 2021
Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, 1922
ders., Der Begriff des Politischen, 1932
ders., Verfassungslehre, 1928
ders., Der Nomos der Erde", 1950

Weitere Literatur wird im Seminar bekannt gegeben!

Lehrende

Termine ( Kalendersicht )

Rhythmus Tag Uhrzeit Format / Ort Zeitraum  
wöchentlich Do 16-18 S1-501 13.04.-24.07.2026

Fachzuordnungen

Modul Veranstaltung Leistungen  
26-HM_PP4_POL Hauptmodul PP4: Politische Philosophie Hauptmodul PP4: Politische Philosophie Seminar 1 Studienleistung
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Seminar 2 Studienleistung
Studieninformation
30-M11 Vernetzung: Sozialwissenschaftliche Nachbardisziplinen Vernetzung: Sozialwissenschaftliche Nachbardisziplinen Seminar Studienleistung
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- benotete Prüfungsleistung Studieninformation

Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.

Studiengang/-angebot Gültigkeit Variante Untergliederung Status Sem. LP  
Studieren ab 50    

Erworben kann werden:

- Studienleistung durch regelmäßige (!) aktive (!) Teilnahme, sprich: engagiertes Sich-Einbringen in die Diskussion, Vorstellung eines Diskussionsinputs im Seminar und/oder kritische schriftliche Reflexion (ex post) zur Diskussion in der entsprechenden Sitzung
- Prüfungsleistung durch schriftliche Hausarbeit

Lernraum (E-Learning)
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Adresse:
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Hinweise:
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Letzte Änderung Grunddaten/Lehrende:
Freitag, 7. November 2025 
Letzte Änderung Zeiten:
Freitag, 6. Februar 2026 
Letzte Änderung Räume:
Freitag, 6. Februar 2026 
Art(en) / SWS
Seminar (S) / 2
Einrichtung
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