301053 Kapitalismus und Kolonialismus. Neue Formen der Landnahme und deren Kritik (S) (WiSe 2026/2027)

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Ausgangspunkt des Seminars ist die Frage, inwiefern der Kapitalismus von Beginn an ein koloniales Projekt war und auch heute noch ist. Denn zum einen wird die Kategorie „Arbeit“ in der Forschung zunehmend als zentrale Kategorie wirtschaftlicher Interessen kolonialer Gesellschaften verstanden. Zum anderen war die Geschichte des Kapitalismus als Geschichte ökonomischer Globalisierung von Beginn an eng mit der Herausbildung der kolonialen Weltordnung verknüpft. Dies schließt die Durchsetzung geo-politischer Interessen, die Herausbildung ökonomischer Abhängigkeiten und darauf bezogene koloniale Denkweisen ein; ob im unternehmerischen, volkswirtschaftlichen oder auch alltagspraktischen wirtschaftlichen Handeln. Dies lässt sich bis in die Zeit des Merkantilismus (Frühkapitalismus) zurückverfolgen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen geopolitische und ökonomische Verflechtungen der Gegenwart. Dies führt zur Frage nach dem Verhältnis von neokolonialen Kontinuitäten und gegenwärtigen globalen Transformationen, ob in Form ökonomischer, politischer oder auch militärischer Einflussnahmen (zum Begriff Neokolonialismus vgl. Kwame Nkrumah). Anzeichen neokolonialer Dynamiken verdichten sich gegenwärtig in unterschiedlichen Feldern der Weltwirtschaft: neben „land grabbing“ (Hoering 2011) und den damit verknüpften Wertschöpfungsketten ist Biodiversität ein weiterer zentraler Fall, der daraufhin befragt werden kann, inwiefern sich hier koloniale Charakteristika zeigen (Shiva 2002). Und auch geopolitische Verflechtungen der Energiewende basieren in einer Weise auf der Aneignung strategischer Rohstoffe im Globalen Süden, und damit auf der Kontrolle von Ressourcen, die die Frage nach neokolonialen Kontinuitäten aufwirft (Stichwort Grüner Kolonialismus; Lang et al. 2025).
Um zu prüfen, ob die genannten Felder ‚normale/typische Transformationen‘ des globalisierten Kapitalismus darstellen, oder theoretisch angemessener als Ausdruck einer strukturell, institutionell wie auch symbolisch basierten neokolonialen Weltordnung verstanden werden können, erfolgt im ersten Schritt der Veranstaltung ein Rekurs auf ausgewählte post- und de-kolonialtheoretische Perspektiven (etwa zur Kolonialität der Macht: A. Quijano; Dependenz- und Weltsystemtheorie: G. Frank, E. Dussel, I. Wallerstein; Imperialismus und Landnahme: R. Luxemburg). Im zweiten Schritt werden Arbeiten zu ausgewählten Kontexten und Phänomenen des historischen Kolonialismus diskutiert; im Mittelpunkt steht hier jeweils die Frage, inwieweit die Ökonomie ein Motor kolonialer Bestrebungen war und wie sich Kolonialität als Handlungs- und Denkmuster in diesen Bestrebungen niederschlägt (etwa: O. Patterson, Sociology of Slavery; M. Weber, ‚Abenteuerkapitalismus‘; W.E.B Du Bois, The Souls of Black Folk; S. Mintz, Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers). Im dritten und zentralen Schritt liegt der Fokus auf der Frage, wie weitreichend der Neokolonialismus im Sinne einer Verstetigung globaler Extraktion heute ist, und inwiefern in der Folge von einem neokolonialen Kapitalismus gesprochen werden kann.

Bibliography

Hoering, Uwe, 2011: Land Grabbing, in: Peripherie124, S. 497–500.
Hoering, Uwe, 2007: Agrar-Kolonialismus in Afrika, Hamburg.
Nkrumah, Kwame, 1965: Neo-Colonialism, the last stage of Imperialism, London.
Lang, Miriam; Manahan, Mary Ann; Bringsel, Breno (Hg.), 2025: Grüner Kolonialismus. Hamburg.
Randeria, Shalini; Eckert, Andreas (Hg.), 2009: Vom Imperialismus zum Empire, Frankfurt/M.
Scherrer, Christoph; Kunze, Caren, 2011: Globalisierung, Göttingen.
Shiva, Vandana, 2002: Biopiraterie. Kolonialismus des 21. Jahrhunderts. Münster.

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