In der Medienlandschaft der achtziger Jahre war Alexis Carrington (Joan Collins) in der US-Fernseh-Soap „Dynasty“ als rachsüchtiges Biest der upper class bekannt. Intrigen, Klatsch und Tratschereien bestimmten ihr Handeln und gefährdeten die Harmonie im Hause der großbürgerlichen Ölmagnaten-Familie Carrington in Denver-Colorado, während das Agieren, Lavieren und Palavern der machthungrigen Matriarchin Angela Channing (Jane Wyman) auf dem kalifornischen Weingut „Falcon Crest“ (Nappa Valley) in der gleichnamigen Serie so giftig war, dass nicht nur die Weine dadurch Essig wurden, sondern auch die Gemüter ihrer Mitmenschen und direkten Verwandten. Derlei fesselte eine große Fangemeinde Mitte der Achtziger Jahre regelmäßig vor den Bildschirm, zumal die Resultate eines solchen Verhaltens mitunter erst nach dem nächsten Cliffhanger präsentiert wurden und insofern einem plottechnischen bzw. dramaturgischen Zweck (und der Gewährleitung hoher Einschaltquoten) dienten. Die literaturwissenschaftliche Relevanz eines solchen Rezipientenverhaltens für zeitgenössische Kulturpraktiken dokumentiert sich unter anderem auch in der Göttinger DFG-Forschergruppe „Ästhetik und Praxis populärer Serialität“ und in dem innerhalb der Erzähl- und Medientheorie noch relativ neuen Parameter des „seriellen Erzählens“. Die Entwicklung von Intrigen und deren Folgen zählt zu den Konstituierungsformen von Serialität, Spannung und Dramaturgie und das nicht nur in der vielfach geschmähten Prime Time Soap.
Denn bereits zweihundert Jahre zuvor, im späten 18. Jahrhundert, existiert dieser sinistere Konflikt- und Spannungskatalysator in der Kulturszene. Die Figur der Orsina in Lessings „Emilia Galotti“ (1772), der durchtriebene Spiegelberg in Schillers „Die Räuber“ (1781), der schon bildhaft in seiner Heimtücke offenbarte Wurm in Kabale und Liebe (1784) und der Einflüsterer von Hasenpoth in H.L. Wagners „Die Kindermörderin“ (1776) erfüllen ganz ähnliche Funktionen. Sie konzipieren Intrigen, Lügen und Verleumdungen und üben damit Einfluss auf die Geschicke ihrer Umgebung (zumeist die Familie) aus. Grund genug also, den Stellenwert von Intrige und Intriganten im Kontext der Dramaturgie, des Plots und der Figureninszenierungen im bürgerlichem Trauerspiel und der amerikanischen Soap Opera gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Letztere könnte dabei – etwas kokett – als moderne und populäre Nachfolgerin des klassischen Trauerspiels rezipiert werden. Im intermedialen Vergleich, in dessen spezifische Methoden das Seminar ebenfalls eine Einführung leisten möchte, sollen Figurenkonstellationen, Konfliktpotentiale, Akt- und Episodeneinteilung (Stichwort: Cliffhanger) genauer analysiert werden. Ebenso soll der Stellenwert der (groß-) bürgerlichen Familie als zentraler Handlungsträger im Spiel von Liebe, Intrige und Hiebe bzw. von Sex und Crime erörtert und vor dem Hintergrund dramen- und medientheoretischer Überlegungen und ihrer sozialhistorischen Kontextualisierung diskutiert werden.
Schließlich sollen auch die Folgen und Funktionen von Intrigen in gesellschaftlichen Einheiten wie der Familie und deren formalästhetische bzw. rhetorische Inszenierung in Drama und Film erkennbar werden. Daran anschließend könnten auch rezeptionstheoretische Vermutungen aufgestellt werden für den Erfolg von Trauerspiel, Familiendrama und ihrem modernem Korrelat als Straßenfeger: der Soap Opera. Für die Besprechung sind daher vorgesehen: Dramen von Lessing, H.L. Wagner, Schiller und Hebbel; ausgewählte Episoden/Szenen aus den Soap Operas „Dynasty“ (1981-1989) und „Falcon Crest“ (1981-1990), sowie der französische Roman „Champs Clos/In inniger Feindschaft“ (1988/1989) des Autoren-Duos Boileau-Narcejac bzw. dessen Fernsehverfilmung durch Claude Faraldo (BRD/Frankreich 1989).
1) Besuch einer „Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft“ (Fachportal Germanistik)
2) Besuch einer Einf. i. d. „Theorie u. Gesch. d. Literatur des 16.- 18. Jh“ (Basismodul Literaturwissenschaft)
3) Besuch einer Einführung in die Medienanalyse
Primärliteratur
Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti (1772)
Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (1784)
Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin (1776)
Friedrich Hebbel: Maria Magdalena (1843)
Diese vier Dramen sind zu den jeweiligen Sitzungen vorzubereiten.
Sekundärliteratur
Jörg Bergmann: Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion, Berlin 1987.
Suzanne Frentz (ed.): Staying tuned. Contemporary soap opera criticism, Ohio 1992.
Christine Geraghty: Women and Soap Opera. A study of prime time soaps, Cambridge 1991.
Frank Kelleter (Hg.): Populäre Serialität. Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert, Bielefeld 2012.
Anne-Kathrin Luchting: Leidenschaft am Nachmittag. Eine Untersuchung zur Textualität und Intertextualität amerikanischer Seifenopern im deutschen Fernsehen und ihrer Fankultur, München: Diss 1995.
Gustav Adolf Pourroy: Das Prinzip Intrige. Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels, Zürich 1986.
Franziska Schößler: Einführung in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama, Darmstadt 2008, zweite Auflage.
Sascha Seiler (Hg.): Was bisher geschah? Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen, Köln 2008
Peter Szondi: Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels. Der Kaufmann, der Hausvater und der Hofmeister. Herausgegeben von Gert Mattenklott, Frankfurt am Main 1973.
Peter von Matt: Ästhetik der Hinterlist. Zu Theorie und Praxis der Intrige in der Literatur, München 2002 (Dieser grundlegende Aufsatz sollte bis zu Semesterbeginn gelesen und vorbereitet sein.)
Peter von Matt: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist, München/Wien 2006.
Weitere Titel werden während der vorlesungsfreien Zeit in einem Semesterapparat der Universitätsbibliothek vorliegen. Einige zentrale theoretische Aufsätze und Textauszüge werden bereits vor Semesterbeginn in einem Reader zur Verfügung gestellt.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum | |
|---|---|---|---|---|---|
| wöchentlich | Mi | 16-18 | H15 | 14.10.2013-07.02.2014
nicht am: 25.12.13 / 01.01.14 |
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Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.
| Studiengang/-angebot | Gültigkeit | Variante | Untergliederung | Status | Sem. | LP | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Germanistik / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Kern- und Nebenfach | BaGerP2G; BaGerP2S | 2/5 | |||
| Germanistik / Master of Education | (Einschreibung bis SoSe 2014) | BaGerP2G; BaGerP2S | 2/5 | ||||
| Germanistik (GHR) / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Kern- und Nebenfach | BaGerP2G; BaGerP2S | 2/5 | |||
| Germanistik (GHR) / Master of Education | (Einschreibung bis SoSe 2014) | BaGerP2G; BaGerP2S | 2/5 | ||||
| Geschlechterforschung in der Lehre | |||||||
| Literaturwissenschaft / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Nebenfach | BaLitP7 | 3/7 |
Aktive Teilnahme: Anlage eines Portfolios (enthält sämtliche Arbeitsblätter der Lehrveranstaltungen, Seminar-Handouts des Dozenten zu den einzelnen Sitzungen, Mitschriften/Notizen, Thesenpapiere der Referate und ein Stundenprotokoll zu einer selbstständig ausgewählten Sitzung) + regelmäßige Anwesenheit, Beteiligung am Unterrichtsgespräch und intensive Vorbereitung der Texte => 2 LP2)
Benotete Einzelleistung: Anlage eines Portfolios (Inhalt: s.o.) + regelmäßige Anwesenheit, Beteiligung am Unterrichtsgespräch und intensive Vorbereitung der Texte; Hausarbeit im Umfang von ca. 12 bis 15 Seiten oder: Referat (ca. 20 Minuten + anschließende Diskussionsmoderation) und Schriftliche Ausarbeitung (6 Seiten) => 5 LP (Die schriftlichen Leistungen/Arbeiten sind spätestens mit dem Beginn des neuen Sommersemesters 2014: Mitte April 2014 als ausgedruckte Fassung im Sekretariat von Frau Kerski oder in mein Postfach auf C6, Nr. 435 einzureichen.)
Alternative Formen der Leistungserbringung nach Absprache