300352 Unfälle und Katastrophen in Organisationen: Theorieansätze und Untersuchungen (S) (WiSe 2023/2024)

Inhalt, Kommentar

+++ ACHTUNG: Sitzung am 04.11.2023 ONLINE (!) / NICHT IN PRÄSENZ – Bitte E-Mail-Verteiler/Rundmail beachten +++

Akut- bzw. Schadensereignisse im Zusammenhang mit Organisationen, die als Unfälle oder Katastrophen (Flugzeugabstürze, Schiffsuntergänge, Zugentgleisungen, Infrastrukturschäden, Brandfälle, Verwaltungsfehler etc.) beobachtet bzw. registriert werden, stehen im besonderen Fokus der Gesellschaft. Massenmedien, die sich typisch für die Ermittlung von Hintergründen und deren Auswertung zuständig sehen, präsentieren entsprechende Ereignisse und ihre Bewältigung in einer Weise, die vielfältige Anschlusskommunikationen in Gang setzen kann. Damit verbunden und darüber hinausgehend partizipieren auch Recht, Politik und Verwaltung durch ihre Ermittlungen und etwaige Regulierungen an der Beobachtung und Diskussion organisatorischer Akutereignisse.

Nach einer Beschreibung von Kette (2013) können Unfälle aufgrund ihres „Überraschungswertes in zeitlicher und sozialer (evtl. auch sachlicher) Hinsicht seitens der Organisation (…) beobachtet und beschrieben werden“, während Katastrophen oder katastrophale Unfälle „sowohl innerhalb der Organisation als auch der gesellschaftlichen Umwelt eine Diskontinuität“ markieren. „Ihr Überraschungswert enttäuscht etablierte Kontinuitätserwartungen und sie sind insofern nicht anschlussfähig“ (Kette 2013, S. 163). Organisationen können auf ihre Umwelt buchstäblich „verletzend“ einwirken; als chaotisch erfahren und häufig mit Hinweis auf unglückliche Verkettung und zufällige Konfrontation erklärt werden. Diese Vulnerabilität trifft aber auch und besonders auf die involvierten Organisationen selbst zu, da entsprechende Ereignisse Legitimationsverluste in der Umwelt nach sich ziehen können. Pointiert betrachtet scheint schon allein die Existenz komplexer, allzumal technologisch raffinierter Organisationen ein Risiko für die Gesellschaft darzustellen.

In diesem Seminar geht es um eine soziologische Konkretisierung und Differenzierung organisatorischer Unfälle und Katastrophen/katastrophale Unfälle. Dazu wird die Beschreibung innerhalb von Organisationen ebenso relevant erscheinen wie die Beschreibung des Geschehens als durch Organisationen verursachte Ereignisse. Näher zu unterscheiden sind Ereignisse, die im unmittelbaren Einfluss- bzw. Machtbereich von Organisationen beobachtet werden; Ereignisse, bei denen (un-)mittelbar mehrere Organisationen involviert sind und solche, die außerhalb der Veranlassung einzelner Organisationen zustandekommen bzw. eine genaue Adressierung ggf. unmöglich erscheint („natural hazards“ bzw. umweltliche Kalamitäten). Einer organisationssoziologischen Perspektive folgend, geht es um das unterschiedlich motivierte Auslösen von Änderungen und Regelabweichungen in Organisationen, die beispielsweise riskante Normalisierungen zur Folge haben können oder wechselbezügliche, eigendynamische und pfadbildende Entwicklungen in Gang setzen.

Es liegt bei einer soziologischen Analyse, einer „linear-logischen“ Beschreibung von Schadensfällen mit Skepsis zu begegnen. Auch können Personalisierungen hinsichtlich bestimmter Entscheider/Funktionsträger, so naheliegend sie erscheinen mögen, nicht unkritisch übernommen werden. Vielmehr wird zu beleuchten sein, inwieweit spezifisch organisierte Sozialsysteme Rollen, Regeln und Routinen der Entscheidungsbildung hervorbringen, die sich der individuellen Zurechnung versperren. Eine Beschreibung der Organisation als soziales System bildet insofern die Grundlage einer Beschreibung temporär und steuerungsprekär in Erscheinung tretender Akut- bzw. Schadensereignisse. Sind diese überhaupt zu vermeiden? Erhöht die zunehmende Technisierung der Organisationen die Wahrscheinlichkeit unbeherrschbarer Störfälle? Können Organisationen sich in gewisser Hinsicht „schützen“ oder Wege finden, prekäre Entwicklungen mithilfe organisatorischer Struktur zumindest zu „erschweren“? Welche Ansätze werden dazu in der Forschung diskutiert?

Die Organisationsforschung hat eine Reihe bedeutsamer Unfall- und Katastrophenstudien anhand von Beispielen „prominenter“, empirisch verarbeiteter, Fälle hervorgebracht. Deren Lektüre wird wesentlicher Bestandteil dieses Seminars sein. Hier wird es um Reflexion der Fälle gehen, d. h. um Entscheidungsprogrammierung, Analogiebildung und Verlaufsanalyse. Die Betrachtung bezieht sich aber nicht allein auf Unfälle und Katastrophen als abgeschlossene Ereignisse, sondern ferner auf die Wege der anschließenden Bearbeitung mittels Rettungsorganisation und Untersuchungen technischer und juristischer Art. Schließlich kann die Bearbeitung eines Unglücks dessen vorläufige Fortsetzung bedeuten, d. h. nachfolgende Entscheidungen können – gerade im Versuch der Schadensbewältigung bzw. Schadensreduktion – organisatorisch weitere Probleme und Schäden bewirken.

Der Seminarveranstalter arbeitet derzeit an eigenen Studien zu großen Unglücksfällen. Aus dieser Forschung werden Ergebnisse und Arbeitsstände im Seminar vorgestellt. Das Seminar findet in der Form Blended-Learning statt – es sind Online- und Präsenztermine vorgesehen. Bitte planen Sie sämtliche Termine zunächst für beide Varianten. Das Nähere wird zu Seminarbeginn festgelegt.

Literaturangaben

Die Semesterliteratur (Theorietexte und empirische Studien) wird zu Semesterbeginn über den Online-Lernraum bereitgestellt.

Zur ersten Sitzung soll der folgende Text gelesen werden:

Kette, S. (2013): Diskreditiertes Scheitern. Katastrophale Unfälle als Organisationsproblem. In: B. Jens, H. Matthias, L. Antonia, & W. Gabriele (Eds.), Scheitern. Organisations- und wirtschaftssoziologische Analysen (pp. 159-181). Wiesbaden: Springer VS.

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Dienstag, 9. Mai 2023 
Letzte Änderung Zeiten:
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Art(en) / SWS
Seminar (S) / 2
Einrichtung
Fakultät für Soziologie
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