230518 Ovids Tristien (S) (SoSe 2020)

Inhalt, Kommentar

8 n. Chr. weilte Ovid auf Elba, als ihn aus Rom die Schreckensnachricht der über ihn verhängten Verbannung erreichte, die von Augustus unter dem Vorwand der Anstößigkeit seiner früheren Liebesgedichte ausgesprochen worden war. Sogleich reiste Ovid zurück nach Rom, um seine Begnadigung zu erwirken, doch alle Bemühungen, auch die seiner einflußreichen Freunde blieben vergeblich. So mußte Ovid Rom, die einzige Stadt, in der er sich wirklich glücklich fühlte, verlassen und die beschwerliche Reise nach Tomis am Schwarzen Meer, mithin an den gefühlten Rand der zivilisierten Welt antreten. Für den Stadtmenschen Ovid war Tomis eine ganz und gar unwirtliche Stätte – mit schlechtem Klima, kaum genießbarem Wasser, Einfällen von räuberischen Stämmen und einer rauen Bevölkerung (aus Skythen, Geten und Halb-Griechen), die dem städtisch-feingebildeten Dichter gänzlich barbarisch anmutete, wenn er sie mit der Zeit freilich durchaus auch zu schätzen lernte. Vergeblich hoffte Ovid in den Jahren der Verbannung nach wie vor auf Augustus’ Gnade und konnte sich bis zu seinem Tod im Jahr 17 n. Chr. nicht mit seiner Bestrafung, die er als zutiefst unverhältnismäßig empfand und hinter der er eine Intrige vermutete, abfinden. In den Jahren des Exils entstanden die fünf Bücher Tristia, Elegien mit Briefcharakter an verschiedene Adressaten, die Ovid zur Publikation nach Rom sandte. Der wahre Adressat seiner Sammlung war freilich die römische Öffentlichkeit und damit Augustus und die eigentliche Intention, nicht dem Vergessen anheim zu fallen, ja, womöglich doch noch eine Begnadigung zu erwirken. Dieser Intention geschuldet sind unverkennbar die Themen, die Ovid in den Tristia zusammenstellt: Die Rechtfertigung seines Lebenswandels und seines literarischen Werks, die Unwirtlichkeit des Verbannungsortes Tomis und der Schwarzmeer-Region, die ungebrochene, quälende Sehnsucht nach Rom, das allmähliche Erlahmen der produktiven Kraft infolge des Verlusts sowohl des römischen Publikums als auch des römischen Literaturbetriebs. Ovid bleibt bei aller bitteren Enttäuschung, von der die Tristia allenthalben künden, gleichwohl ganz Dichter: Geschickt nutzt er die Mittel und Möglichkeiten der Elegie, stellt die Vorgänge seines Inneren dar und brilliert zugleich und einmal mehr mit sprachlicher und metrischer Eleganz.
Im Zuge des Seminars werden wir auf der Grundlage der Tristia Ovid in die Verbannung folgen, seinem schmerzlichen nächtlichen Abschied von Rom lauschen, ihn auf seiner beschwerlichen Reise ans Schwarze Meer begleiten, Zeugen der stürmischen Überfahrt werden, mit ihm zusammen in der Mitte des Jahres 9 n. Chr. in Tomis ankommen, sein dortiges Exilleben mit all seinen Tiefen, aber auch Höhen miterleben – und zugleich die dichterische Leistung Ovids, der mit seinen Tristia ein weiteres Stück Weltliteratur schuf, angemessen würdigen.

Literaturangaben

P. Ovidi Nasonis Tristium Libri Quinque (...), recog. adnot. crit. instruxit S.G. Owen, Oxford (zuerst 1915) verschiedene Nachdrucke.
Publius Ovidius Naso, Briefe aus der Verbannung, lat. u. deutsch, übertrag. v. W. Willige, eingel. u. erl. von G. Luck, Zürich / Stuttgart 1963.

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23-LAT-LatPM1 Die römische Literatur im literaturwissenschaftlichen Kontext Die römische Literatur im literaturwissenschaftlichen Kontext 2. Entstehung und Formen römischer Dichtungsgattungen I Studieninformation
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Seminar (S) / 2
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