Jedes Kind, das die Kindertagesstätte oder die Schule betritt, muss „seine Stimme finden“. Sprechen und Mit-sprechen, Gehört-werden und Sich-Gehör-verschaffen sind Voraussetzung wie Konsequenz sozialer Interaktion und gelingender Lernprozesse. Vor diesem Hintergrund setzt sich die Bildungssoziologie seit jeher mit der Rolle von Sprache in Bildungseinrichtungen auseinander und fragt, inwieweit die sprachlichen Praktiken der Schule am Zustandekommen unterschiedlicher Schulerfolge beteiligt sein können. Die Beschäftigung mit der Bildungssituation mehrsprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher hat diese Auseinandersetzung um die Rolle der Sprache in den pädagogischen Institutionen in den vergangenen Jahren auch in Deutschland wiederbelebt. Bei einer kritischen Analyse der verwandten Argumentationslinien wird zugleich deutlich, dass das „Sprechen über Sprache(n)“ in die weiteren Normalitäts- und Dominanzverhältnisse der Gesellschaft und ihrer Bildungsinstitutionen eingebunden ist.
Wir werden uns diesem Feld unter anderem mithilfe von Theorien und Texten der Soziologen Basil Bernstein und Pierre Bourdieu, des Bilingualismusforschers Jim Cummins und des Linguisten M.A.K. Halliday nähern. Dabei soll gefragt werden, inwieweit sie Perspektiven und Argumentationslinien bereitstellen, mit denen die Bildungsbenachteiligung mehrsprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher analysiert und unter einem diskriminierungskritischen Blickwinkel thematisiert werden kann. Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich daraus für pädagogische Institutionen, die der Mehrsprachigkeit ihrer Kinder und Jugendlichen gerecht werden und der Bildungsbenachteiligung entgegentreten wollen?
Hinsichtlich praktischer Konsequenzen werden wir uns mit Beispielen aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen beschäftigen: Wie kann eine sprachsensible Elementarpraxis aussehen? Welche unterrichtlich-didaktischen Veränderungen erfordert die sprachliche Heterogenität von Grundschulkindern? Welche Entwicklungen werden aktuell diskutiert für einen Unterricht in der Sekundarstufe und im Berufskolleg, der alle Schüler/innen an die für den Schulerfolg entscheidende Bildungssprache und die Fachsprachen heranführt? Wie können pädagogische Einrichtungen unter einer diskriminierungskritischen Perspektive mit Mehrsprachigkeit umgehen und diese nicht als Defizit, sondern als zunehmende Normalität von Bildungsprozessen verstehen und vermitteln?
Ziel ist es, Einblicke in die gesellschaftlichen und sprachlichen Prozesse sowie die pädagogisch-didaktischen Entwicklungen zu gewinnen und anhand ausgewählter Beispiele nach ihrer Bedeutung für eine Pädagogik der Einwanderungsgesellschaft zu fragen. Leitend für die Seminarkonzeption ist es, dass Pädagog/innen in der Lage sein sollten, ihre pädagogische Praxis zu planen und umzusetzen, doch gleichzeitig ihr eigenes (sprachliches) Handeln im Hinblick auf herrschende Normalitätsvorstellungen kritisch reflektieren müssen.
Im Seminar sind unterschiedliche Arbeitsformen vorgesehen: gemeinsame Diskussion der Texte, Gruppenarbeit, Input- Blöcke, Präsentationen und die Beschäftigung mit Videoaufnahmen.
Master of Arts: Voraussetzung ist die Zulassung zum Master of Arts Erziehungswissenschaft
Grundlagenliteratur:
Mecheril, Paul/Quehl, Thomas (Hrsg.) (2006): Die Macht der Sprachen. Englische Perspektiven auf die mehrsprachige Schule. Münster: Waxmann.
Ahrenholz, Bernt/Oomen-Welke, Ingelore (Hrsg.) (2008): Deutsch als Zweitsprache. Baltmannsweiler: Schneider.
Zu Beginn des ersten Seminarblocks kann ein Reader erworben werden. Weitere Literatur ist im Semesterapparat zu finden.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum |
|---|
| Studiengang/-angebot | Gültigkeit | Variante | Untergliederung | Status | Sem. | LP | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Erziehungswissenschaft / Master | (Einschreibung bis SoSe 2011) | ME 15.1; ME 15.2; ME 16.1; ME 16.2 | 4 | aktive Teilnahme | |||
| Pädagogik / Erziehungswissenschaft / Diplom | (Einschreibung bis SoSe 2008) | H.1.2; H.2.5; H.2.6; H.3.1 | scheinfähig |
Kriterien für ‚aktive Teilnahme‘: die regelmäßige Anwesenheit und eine Präsentation von 20-30 min. (inkl. Hand-out, ca. 2 Seiten und der Leitung einer kritischen Diskussion) als Gruppenarbeit; Kriterien für einen Schein: ein Referat von ca. 30 min., Leitung einer kritischen Diskusssion und eine schriftliche Ausarbeitung von ca. 8 Seiten oder eine Hausarbeit von ca. 15 Seiten