230228 Literatur, koloniales Denken und Topographie des Anderen. Film und Literatur als Rahmen und Medien der Refiguration einer Europäisierung der Welt (S) (WiSe 2017/2018)

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Die Zurschaustellungen von Menschen anders- oder nichteuropäischer Herkunft in europäischen Großstädten, die man wohl als ethnographische Völkerschauen bezeichnete, gehörte – von einer starken Kultur- Unterhaltungsindustrie gefördert – im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den gewöhnlichen und populärsten gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen. Die Zurschaustellung von Menschen afrikanischer Herkunft in den Tierparks und zoologischen Gärten europäischer Städte hatte nicht nur eine Unterhaltungsfunktion, sondern sie war Medium der Diskurs- und Wissensproduktion über den afrikanischen Anderen aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen und ideologischen Perspektiven. In diesem kulturellen Prozess einer Erfindung des Anderen waren Mechanismen der Erotisierung, Exotisierung und Animalisierung beteiligt, die – durch eine Fixierung und Beschreibung der Zurschaugestellten als Gegenstände einer eurozentrischen Wissensproduktion und eines makabren Spektakels – zur Gestaltung einer ganz besonderen Geographie und Topographie des Anderen und des Nicht-Europäers führten.
Diese Lehrveranstaltung setzt sich nicht nur mit den kulturgeschichtlichen und ideologischen Kontext dieser Massenveranstaltungen, sondern auch mit den Formen und Motivationen ihrer ästhetischen Repräsentation und Verarbeitung in Film und Literatur auseinander. 1897 unternahm ein Autor der jungwienerischen Szene in der Form von ethnographischen Miniaturen eine ästhetische Darstellung des Aufenthalts von Menschen aus der Gold Coast. Sein Buch Ashantee gehört neben den dem Gedicht Die Aschanti (1902-1903) von Rainer Maria Rilke zu den wenigen literarischen Zeugnissen dieser durch eine mächtigen Kulturindustrie getragene Odyssee von afrikanischen Menschen in Europa. Aber schon am Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Menschen in europäischen Großstädten zur Schau gestellt. Wenn beide oben erwähnte Texte in einem europäischen und kolonialen Kontext fast simultan eine Repräsentation dieser Ereignisse darstellen, hat man in Fall der Hottentotten-Venus eher mit nachträglichen und postkolonialen Refigurationen, Neu- und Weiterschreiben von Menschenausstellungen zu tun. Hans Christoph Buchs Erzählung Hottentoten-Venus (2011) Abdellatif Kechiches Film Venus noire (2010) sowie Zola Masekos Dokumentarfilm Life and Times of Sarah Baartman: The Hottentot-Venus (1998) rekonstruieren aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Motivationen das europäische Schicksal von Saartjie Baartman, eine junge Frau mit besonderen physischen Eigenschaften, die 1810 von Südafrika nach London gebracht und bis zu ihrem Tod 1815 zwischen London und Paris unter unterschiedlichen Umständen ausgestellt wurde.

Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Lehrveranstaltung:
- Was sind Völkerschauen, Menschenausstellungen und Menschenzoo?
- Vor welchem Wissens- diskursiven und ideologischen Hintergrund fanden diese Veranstaltungen statt?
- Wie wurden sie von den Schriftstellern dieser Epoche repräsentiert und ästhetisiert?
- Wie werden sie dann in einem postkolonialen Kontext refiguriert?
- Worin besteht der Unterschied zwischen den medialen Inszenierungen dieser Vergangenheit?
- Welche Topographie des Anderen und des (post)kolonialen Raums entsteht aus diesen Ästhetisierungen?
- Wie nehmen dabei Literatur und Film an der Semiotisierung und diskursiven Gestaltung des Anderen teil?

Folgende Aspekte können im Rahmen der Lehrveranstaltung erörtert werden:
- Zoo, Museum und Archiv: Die Ordnung des Wissens
- Der Zoo als Schauplatz: Die Erfindung des Anderen
- Literatur, Voyeurismus und Schaulust
- Literatur als Zeitzeugnis, Ambivalenz des kolonialen Denkens: Rilke und Altenberg
- Mediale Rahmen einer postkolonialen Lektüre von Menschenausstellungen
- Migration und filmische Verarbeitung des Schicksals der Hottentotten-Venus
- Postkoloniale Blicke aus Europa. H. C. Buch und die Gestaltung des postkolonialen Raums
- Postkoloniale Geschichtsschreibung aus afrikanischer Sicht: Zola Maseko

Bibliography

Empfohlene Literatur

BLANCHARD, PASCAL et.al. (Hrsg.) 2008. Human zoos. Science and spectacle in the age of colonial empire. Liverpool: Liverpool University Press.
DEBUSMANN, ROBERT/ RIESZ, JANOSZ (Hrsg.) 1995. Kolonialausstellungen – Begegnungen mit Afrika? Frankfurt/M.: IKO-Verlag für interkulturelle Kommunikation.
DREESBACH, ANNE 2005. Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen in Deutschland (1870-1940). Frankfurt/M.: Campus Verlag.
SAUER, WALTER 2002. k.u.k. kolonial. Habsburgermonarchie und europäische Herrschaft in Afrika. Wien u.a.: Böhlau.

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