Charakteristisch für die Literatur des späten Mittelalters ist der Aufschwung einer erzählerischen Kleinform, die in der Literaturwissenschaft meist mit dem Begriff ›Märe‹ oder ›Versnovelle‹ bezeichnet wird. Die Texte geben sich mal moralisch-didaktisch, mal schwankhaft-komisch bis ins Groteske hinein – und nicht selten verbinden sie beides miteinander. Im Seminar untersuchen wir ausgewählte Versnovellen vom 13. bis 15. Jahrhundert, die sich mit Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen und dabei dem menschlichen Körper sowie der Ausübung von physischer und psychischer Gewalt besondere Bedeutung beimessen. So sticht sich etwa eine liebende Ehefrau ein Auge aus. Ein ›störender‹ Ehemann wird auf perfide Art und Weise beseitigt. Nicht einvernehmlicher Geschlechtsverkehr dient der Belustigung, aber auch zur Verhandlung der Frage nach dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen. Und ein weibliches Geschlechtsteil trennt sich vom restlichen Köper, um den Wert des Menschen zu bestimmen.
Fragen wollen wir nach der Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit, nach asymmetrischen Machtverhältnissen sowie nach der Verbindung von Sexualität, Körperlichkeit und Gewaltausübung. Analysieren werden wir die spezifischen narrativen Verfahren, die zugrundeliegenden Körperkonzepte sowie gattungsspezifische Strategien der Textgestaltung. Das Seminar verbindet dabei textnahe Analysen mit kultur- und gendergeschichtlichen Perspektiven und zielt darauf, die Versnovellistik als eine zentrale Gattung literarischer Aushandlung von Geschlecht, Begehren und Gewalt zu beschreiben und zu deuten.
Die Texte werden in Moodle zur Verfügung gestellt.
Zur Einführung empfohlen:
Ziegeler, Hans-Joachim: Art. Maere. In: RLW 2 (2000), S. 517–520.
Grubmüller, Klaus: Art. Märe. In: Enzyklopädie des Märchens 9 (1997). Sp. 302–312.
Klinger, Judith: Gender-Theorien – Ältere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hrsg. v. Claudia Benthien u. Hans Rudolf Velten. Reinbek 2002 (rowohlts enzyklopädie 55643). S. 267–297.
| Frequency | Weekday | Time | Format / Place | Period | |
|---|---|---|---|---|---|
| weekly | Do | 10-12 | 13.04.-24.07.2026 |
| Module | Course | Requirements | |
|---|---|---|---|
| 23-GER-PAdSL Older German Language and Literature Ältere deutsche Sprache und Literatur | Mediävistisches Seminar | Study requirement
Graded examination |
Student information |
The binding module descriptions contain further information, including specifications on the "types of assignments" students need to complete. In cases where a module description mentions more than one kind of assignment, the respective member of the teaching staff will decide which task(s) they assign the students.