In diesem Kurs werden wir uns mit der zentralen Praktik der Literaturwissenschaft befassen, dem Lesen. Obwohl – oder gerade weil – das Lesen hier ein solcher Dreh- und Angelpunkt ist, haben wir es teilweise mit Lese-Mythen, teilweise mit blinden Flecken zu tun. Festzuhalten ist, dass professionelles literaturwissenschaftliches Lesen zielgerichteter Informationsentnahme und analytischer Mustererkennung (Close Reading) dient, aber auch kritisch-dekonstruierenden Lektüren, ästhetischer Erfahrung und natürlich der Interpretation von Stellen und Texten. Seit einigen Jahren ist zudem das „Distant Reading“ auf dem Vormarsch – Verfahren, mit denen man große Textkorpora auf bestimmte Phänomene wie Stil, Emotionsdarstellung oder Figurenbeschreibung hin statistisch auswerten kann, ohne dass ein Mensch diese Texte im Einzelnen liest. Im Alltag schließlich wird literarisch offenbar vor allem im ‚narrativen Modus‘ gelesen: man versetzt sich mit Lust in Figuren hinein und ko-konstruiert fiktionale Welten.
Lesen wird derzeit in der öffentlichen Debatten (wieder) vermehrt thematisiert – als Krise der Lesefähigkeit insbesondere längerer und komplexer Texte, aber auch als zeitgemäße Kulturtechnik, die Empathie, Ambiguitätstoleranz und Konzentrationsfähigkeit fördert. Mit dem Ende der Gutenberg-Galaxis scheint es, als ob das literarische Lesen, zumal von (dicken, anspruchsvollen) Büchern, zwar in Nischen fortgesetzt wird, gesamtgesellschaftlich aber deutlich abgenommen hat – und dieser Trend sich fortsetzt. Zugleich wird zwar mehr gelesen als je zuvor – man denke an das Netz und besonders an Social Media verschiedenster Art – und auch Geschichten bleiben äußerst beliebt – nur eben als Podcasts, Hörbücher und andere audio-visuelle Formate. Recht neu ist auch immer noch, dass Anwendungen der sogenannten „KI“, also große Sprachmodelle (LLMs), nun breit genutzt werden, um im Handumdrehen Informationen zusammenzufassen, zu komprimieren und extrahieren – Inhalte, die potentiell zu Wissen werden können, und die das Lesen, wie wir es bisher kennen, sichtbar ergänzen.
In diesem Kurs werden wir uns mit gegenwärtigen Praktiken literarischen Lesen mittels unterschiedlicher Medien und Hilfsmittel in der Literaturwissenschaft und Alltag befassen. Wir stellen grundlegende Fragen zu Lesen und Wissen, Lesen und ästhetischer Erfahrung, Lesen und fiktionaler Simulation – und Lesen als wissenschaftlicher Methode, die sich hermeneutischer und deskriptiver Verfahren bedient. In einem angewandten Teil werden wir selbst mit Lese-Modi experimentieren, wozu neben hermeneutischer und analytischer Lektüre auch einige Übungen in Distant Reading und LLM-Prompting gehören. Vorkenntnisse in computationellen Verfahren werden nicht vorausgesetzt, wohl aber die Bereitschaft und Fähigkeit, Fachtexte auf Englisch zu lesen.
Achtermeier, Dominik, und Lukas Kosch, Hrsg.: 2024. Mythen des Lesens: Über eine Kulturtechnik in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. 1. Aufl. Lettre. Transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839472088.
Engemann, Christoph: 2025. Die Zukunft des Lesens. Erste Auflage. Fröhliche Wissenschaft. Matthes & Seitz.
Moretti, Franco: 2000. Conjectures on World Literature. In New Left Review. 1. https://newleftreview.org/issues/ii1/articles/franco-moretti-conjectures-on-world-literature
Die vollständige Literaturliste wird im Seminar ausgegeben.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum | |
|---|---|---|---|---|---|
| wöchentlich | Di | 14-16 | 13.04.-24.07.2026 |
| Modul | Veranstaltung | Leistungen | |
|---|---|---|---|
| 23-GER-PLit2_a Literatur in der Gegenwart: Kultur, Medien, Digitalität Literatur in der Gegenwart: Kultur, Medien, Digitalität | Veranstaltung 1 (mit Modulprüfung) | Studienleistung
benotete Prüfungsleistung |
Studieninformation |
| Veranstaltung 2 | Studienleistung
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Studieninformation |
Die verbindlichen Modulbeschreibungen enthalten weitere Informationen, auch zu den "Leistungen" und ihren Anforderungen. Sind mehrere "Leistungsformen" möglich, entscheiden die jeweiligen Lehrenden darüber.