230267 Erzähltes Wohnen. Zur Literaturgeschichte als "Wohngeschichte" (S) (SoSe 2026)

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"Das Stübchen des Häuslers Wilhelm Ansorge zu Kaschbach im Eulengebirge. In einem engen, von der sehr schadhaften Diele bis zur schwarz verräucherten Balkendecke nicht sechs Fuß hohen Raum sitzen: zwei junge Mädchen, Emma und Bertha Baumert, an Webstühlen – Mutter Baumert, eine kontrakte Alte, auf einem Schemel am Bett, vor sich ein Spulrad – ihr Sohn August, zwanzigjährig, idiotisch, mit kleinem Rumpf und Kopf und langen, spinnenartigen Extremitäten, auf einem Fußschemel, ebenfalls spulend. Durch zwei kleine, zum Teil mit Papier verklebte und mit Stroh verstopfte Fensterlöcher der linken Wand dringt schwaches, rosafarbenes Licht des Abends."

Mit dieser detaillierten Regieanweisung beginnt der zweite Akt von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Drama Die Weber (1892). Zur Interpretation lohnt es sich, einen Satz aus der vielrezipierten philosophischen Einlassung Martin Heideggers heranzuziehen: „Das Wohnen ist die Weise, wie die Sterblichen auf der Erde sind" (1951). Hier sind Mutter und erwachsene Kinder in schreiender Armut dargestellt, die sich prägnant am Wohnen dokumentiert, und die im wahrsten Sinne des Wortes wenig Raum lässt. Weniger Resonanz scheint es auf den ersten Blick hingegen zu einer gegenwärtigen Perspektive auf Wohnen (Doris Dörrie) zu geben, in der es um Identität, Wahlmöglichkeiten oder -zwänge geht: „Dort habe ich gewohnt. Da war ich so. Und dort habe ich gewohnt und war so. Vielleicht dieselbe, vielleicht eine andere, vielleicht dieselbe und eine andere" (2025). Oder gibt es vielleicht doch Bezüge? Nicht zuletzt gilt Wohnen als neue soziale Frage, ist Zugang zu bezahlbarem Wohnraum Gegenstand eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Konflikts.

In diesem Seminar fragen wir nach Wohnen als grundlegender menschlicher Praktik in der ästhetisierten und fiktionalen Verarbeitung durch (deutschsprachige) literarische Texte von 1800 bis heute. Wer lebt wie? Welche Gegenstände fallen ins Auge? Wann ist Wohnen soziale Frage, die zur außerliterarischen, historischen Realität in Verbindung steht? Wann wird es verklärt, etwa in bestimmten Formen der Heimatliteratur? Wo und wann wohnt man utopisch? Wann geht es um Arbeit? Wann um Gewalt? Wie steht es mit Gesundheit? Wie ist es mit Behagen und wie mit Langeweile? Was ist mit Schlüsselkindern? Wie steht Wohnen in Verbindung zu Identität, zu Individuum und Kollektiv? Welche Lebensentwürfe und Ideologien können rekonstruiert werden?
Wir werden ausgewählte literarische Texte und solche aus Architektur und Geschichtswissenschaft aus unterschiedlichen Epochen und Gattungen zur Darstellung und Thematisierung von Wohnen befragen. Dabei geht es immer auch um erzählerische Verfahren, ebenso wie um Wohnen als konkrete Praktik, als räumliches Setting mit und ohne Agency, und schließlich um die Symbolik und Metaphorik des Wohnens.

Bibliography

Dörrie, Doris: Wohnen. 1. Auflage. Hanser: Berlin 2025.
Heidegger, Martin. Bauen Wohnen Denken. In Ders. Gesamtausgabe, Bde. 7, Vorträge und Aufsätze, herausgegeben von Friedrich-Wilhelm von Hermann. I. Abteilung: Veröffentlichte Schriften 1910-1976. Klostermann: Frankfurt a. M. 2000, S. 145-164.

Die Literaturliste wird im Seminar bekannt gegeben.

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weekly Mo 14-16   13.04.-24.07.2026

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