Zu Beginn seines Konsulats i.J. 63 v.Chr. trug Cicero maßgeb¬lich dazu bei, den Antrag des Volkstribunen P. Servilius Rullus auf ein Ansiedlungs- oder ‘Ackergesetz’ (rogatio Servilia agraria) zu Fall zu bringen. Von seinen drei überlieferten Reden in dieser Sache ist die erste (vor dem Senat gehaltene) unvollständig erhalten, die dritte weniger interessant. Im Zentrum steht die zweite Rede, die Cicero in einer contio vor dem Volk, dem ‘natürlichen’ Adressaten der Werbung eines Volkstribunen, hielt.
Die relativ wenig gelesene Rede ist in vielerlei Hinsicht spannend: für die Selbststilisierung Ciceros, für die politische ‘Geometrie’ dieser Zeit und den Begriff der popularen Politik seit Ti. Gracchus, für die Praxis der römischen Ge¬setzgebung, für die Probleme einer Ansiedlungspolitik, für die Lebensverhältnisse, Aussichten und Wünsche der stadtrömischen Unterschicht sowie für die zuletzt vielbehan¬delte Kommunikation der römischen Elite mit dem Volk durch Reden. Auch die sprachlich-rhetorischen Strategien – Verwendung zentraler Begriffe, Leitmotive, Wechsel von Perioden und Kurzsatzpassagen, deiktische Verwendung von Pronomina, Insinuation, Vernebelung u.v.a. – lohnen eine genaue Analyse.
Im Lektürekurs des Wintersemesters 11/12 hat sich indes gezeigt, wie sehr ein alle wesentlichen Felder abdeckender Kommentar zu leg. agr. II vermißt wird. Das Projektseminar unternimmt den Versuch, in gemeinsamer Arbeit einen solchen zu erstellen.
Formal besteht es aus zwei Teilen (Abt. Geschichtswissenschaft: MA-Seminar und MA-Kurs), die jedoch zu einer Einheit zusammengefaßt sind und beide besucht werden müssen. Die ergebnisorientierte Projektarbeit erfordert (und vermittelt!) zahlreiche hermeneutische Kompetenzen, von der semantischen, grammatikalischen und rhetorischen Mikroanalyse des Textes über die Klärung von sachlichen Voraussetzungen, die zum Verständnis des Textes nötig sind, bis hin zur Einordnung in größere Zusammenhänge. Eine Übersetzung zu erarbeiten würde viel Zeit und Energie absorbieren; es erscheint auch nicht unbedingt erforderlich. Doch selbstverständlich wird vielfach das Verständnis durch eine eigene Übersetzung zu dokumentieren sein; die vorliegenden Übertragungen von H. Kasten (Cicero, Staatsreden) und M. Fuhrmann (Cicero, Sämtliche Reden), die selbstverständlich stets heranzuziehen sind, können an manchen Stellen auch präzisiert werden.
Folgender Ablauf erscheint mir sinnvoll: Vor Beginn des Seminars lesen alle Teilnehmer die Rede kursorisch (zweisprachig oder nur in Übersetzung) sowie zur ersten Orientierung eine Cicero-Biographie (ggf. in Auszügen). Im ersten Arbeitsschritt wird dann gemeinsam geklärt, welche Passagen, Sachverhalte, Hintergründe, textkritischen Probleme und sprachlich-oratorischen Phänomene einer Erklärung bedürfen und ob dies jeweils in Form eines Lemmakommentars oder einer kleinen Erörterung (in der Einleitung oder in einer Appendix) geschehen sollte. Zu diesem Zweck wird es sinnvoll sein, sich neuere Kommentare zu anderen Texten anzusehen, um ein Gefühl für das ‘Format’ zu bekommen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erarbeiten dann ‘Bausteine’, etwa Zusammenfassungen wichtiger Beiträge aus der Forschungsliteratur, den Kommentar zu einer Passage, eine Sammlung in der Rede wiederkehrender Phänomene oder die separate Erörterung eines Problems. Diese Bausteine stellen zugleich die Modulprüfungsleistung dar, die Leistungspunkte werden ggf. zur Verbuchung auf zwei Veranstaltungen aufgeteilt werden.
Das Projektseminar ist ein Experiment. Es wird viel Arbeit sein. Wie weit wir kommen und ob am Ende ein präsentierbares, gar publizierbares Ergebnis steht, muß der Verlauf zeigen. Ein wenig Ehrgeiz kann aber nicht schaden.
Der lateinische Text (M. Tulli Ciceronis scripta quae mansuerunt omnia, fasc. 16: Orationes de lege agraria, Oratio pro C. Rabirio perduellionis reo, ed. Václav Marek, Leipzig [Teubner] 1983, V-XX u. 10-48) wird in Kopie zur Verfügung gestellt. Ein Handapparat wird in der Bibliothek und im stud.ip zur Verfügung gestellt werden.
Zum Einlesen: Matthias GELZER, Cicero, Wiesbaden 1969; Francisco PINA POLO, Rom, das bin ich. Marcus Tullius Cicero – ein Leben, Stuttgart 2010; Robert W. CAPE, Cicero’s Consular Speeches, in: J.-M. May (ed.), Brill’s Companion to Cicero. Oratory and Rhetoric, Leiden 2002, 113-158; Carl-Joachim CLASSEN, Recht, Rhetorik, Politik. Untersuchungen zu Ciceros rhetorischer Strategie, Darmstadt 1985, 304-367.
| Rhythmus | Tag | Uhrzeit | Format / Ort | Zeitraum |
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| Studiengang/-angebot | Gültigkeit | Variante | Untergliederung | Status | Sem. | LP | |
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| Geschichtswissenschaft / Master | (Einschreibung bis SoSe 2012) | Modul 4.5 | Wahlpflicht | 4 | scheinfähig | ||
| Geschichtswissenschaft / Master | (Einschreibung bis SoSe 2012) | Modul 4.2 | Wahlpflicht | 9 | scheinfähig | ||
| Latein: Die römische Literatur, Kultur und Gesellschaft im europäischen Kontext / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Nebenfach | BaLatPM1 | 6 | |||
| Latein: Die römische Literatur, Kultur und Gesellschaft im europäischen Kontext / Master of Education | (Einschreibung bis SoSe 2014) | MaLat6 | 5 | ||||
| Romanische Kulturen: Sprache, Literatur, Geschichte / Bachelor | (Einschreibung bis SoSe 2011) | Nebenfach | BaRKL4a |