230003 Tragödien der Aufklärung (S) (SoSe 2012)

Inhalt, Kommentar

Die Tragödien der Aufklärung sind aus dem kanonischen Bewusstsein der Schule, aber z.T. auch des Studiums weitgehend verschwunden. Dies ist ebenso verwunderlich wie bedenklich sind doch ohne sie die weiteren Entwicklungen des späten 18. Jahrhunderts und des frühen 19. Jahrhundert, das bürgerliche Trauerspiel wie die Dramenpoetik der Weimarer Klassik kaum angemessen zu verstehen, partizipieren diese doch an der Großepoche Aufklärung, wenn auch gelegentlich in kritischer Absetzung gegenüber den frühaufklärerischen Dramenkonzepten eines Gottscheds oder J.E. Schlegels.

Nicht nur dieses literaturgeschichtliche Desiderat aber macht die Tragödien der Aufklärung zu einem interessanten Gegenstand. Die oxymorale Spannung zwischen Tragödie (Schicksal, Notwendigkeit) einerseits und Aufklärung (Freiheit, Selbstbestimmung) andererseits führt zu zentralen Fragen des Entstehungsprozesses eines autonomen Literatursystems im 18. Jahrhundert. Peter-André Alt hat von einem ‚moralischen Notstand‘ gesprochen, in den sich der vermeintlich aufgeklärte Mensch durch den Anspruch, seine Geschicke ‚ohne die Leitung eines anderen‘ (Kant) selbst bestimmen zu müssen. Die Infragestellung externer Verhaltensnormierung führt zu einer Internalisierung eines vormals außerhalb des Subjektes geführten Kampfes höherer Mächte. Die nun geforderte Selbstdisziplinierung gerät zu einer beständigen Selbstbefragung der Legitimität des eigenen Handelns, ja der eigenen Existenz. Das Verhältnis von Affekt und Verstand, Tugend und Gewalt, literarischer Didaxe und Mitleidspoetik, Providenz und Kontingenz wird immer wieder neu bestimmt und ausgehandelt.

Die Tragödien der Aufklärung zeigen uns den inneren Kampf des vermeintlich aufgeklärten und heroischen Subjektes auf der Bühne und die radikal wirkungsästhetisch gedachte Dramenpoetik der Aufklärung zieht den Zuschauer in diesem Kampf mit hinein und nur wer sich ihm aussetzt und besteht, darf fortan als Mitglied der aufgeklärten Gesellschaft sich verstehen, so dass die aufklärerische Forderung nach totaler Inklusion zu ihrem wichtigsten Exklusionsmechanismus wird, der Barbaren, Wahnsinnige, Affekt- und Triebgesteuerte wie Kinder, Frauen und Schwerenöter, von ihr ausschließt.

Wir werden uns zunächst mit den dramentheoretischen Voraussetzungen der Tragödie der Aufklärung beschäftigen müssen (Aristoteles, Gottsched, Bodmer und Breitinger), bevor wir später zur deren Kritik in der Mitleidspoetik des bürgerlichen Trauerspiels kommen, wie sie sich u.a. aus dem Briefwechsel über das Trauerspiel zwischen Mendelssohn, Nicolai und Lessing entwickeln lässt.

Diese theoretischen Diskussionen werden wir mit unserer eigenen Lektüre folgender Dramen abgleichen:
Johann Christoph Gottsched: Sterbender Cato (1732)
Johann Elias Schlegel: Canut (1746)
Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Tod Adams (1757)
Christian Felix Weise: Atreus und Thyest (1766)
Heinrich Wilhelm von Gerstenberg: Ugolino (1768)
Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti (1772)

Teilnahmevoraussetzungen, notwendige Vorkenntnisse

Basismodul Theorie und Geschichte der Literatur des 16.-18. Jahrhunderts,
Lese- und Denkbereitschaft

Literaturangaben

Die theoretischen Texte werden als Scan über Stud.IP zur Verfügung gestellt. Die Dramen sollten in Buchausgaben angeschafft werden.

Günstige Textausgaben:

Johann Christoph Gottsched: Sterbender Cato. Reclam: Stuttgart 1986, ISBN-10: 3150020972

Johann Elias Schlegel: Canut. Reclam: Stuttgart 1986, ISBN-10: 315008766X

Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Tod Adams. Reclam 1991, ISBN-10: 3150094437

Christian Felix Weise: Atreus und Thyest. Zenodot Verlagsgesellschaft 2010, ISBN-10: 3843063117

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg: Ugolino. Reclam: Stuttgart 1986, ISBN-10: 3150001412

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti. Text, Kommentar und Materialien hg. v. Matthias Buschmeier. Oldenbourg: München 2010, ISBN-10: 3637007819

Lehrende

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Fachzuordnungen

Studiengang/-angebot Gültigkeit Variante Untergliederung Status Sem. LP  
Germanistik / Master of Education (Einschreibung bis SoSe 2014) BaGerP2L; BaGerP2S   2/5  
Germanistik (GHR) / Master of Education (Einschreibung bis SoSe 2014) BaGerP2L; BaGerP2S   2/5  
Literaturwissenschaft / Bachelor (Einschreibung bis SoSe 2011) Nebenfach BaLitP7 Wahl 2/4/6 scheinfähig GS und HS

Für die Bescheinigung der aktiven Teilnahme müssen alle Kursteilnehmer eine wissenschaftliche These zu einem der besprochenen Dramen mit Bezug auf die theoretischen Texte formulieren und im Seminar vorstellen, dafür kann natürlich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen werden. Die Zuteilung zu den Primärtexten erfolgt durch den Seminarleiter. Die regelmäßige Teilnahme an den Seminarsitzungen wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Eine benotete Einzelleistung kann nur durch eine schriftliche Hausarbeit erworben werden. Das Thema und der Aufbau der Arbeit sollte frühzeitig mit mir abgesprochen und diskutiert werden. Unabgesprochene Arbeiten werden nicht angenommen.

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Letzte Änderung Grunddaten/Lehrende:
Freitag, 11. Dezember 2015 
Letzte Änderung Zeiten:
Donnerstag, 26. September 2013 
Letzte Änderung Räume:
Dienstag, 7. Februar 2012 
Art(en) / SWS
Seminar (S) / 2
Einrichtung
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
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