300186 Praxis der Humanitären Hilfe (S) (SoSe 2006)

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Inhaltliches Hauptziel der Veranstaltung ist die praxisbezogene Analyse der humanitären Hilfe und ihrer Internationalisierung seit Ende des kalten Krieges. Je nach Dauer (ein oder zwei Semester) können - ausgehend von zwei bis fünf Programmbeispielen von Caritas Schweiz - die Trends in diesem Sektor exemplarisch veranschaulicht werden. Im Zentrum steht das Zusammenwirken von externen und internen Entwicklungen:

  • extern im Bereich des organisationellen Umfeldes (Globalisierung der grossen NGO-Netzwerke, wechselnde Finanzierungspraxis der Geberländer, neue Konkurrenzverhältnisse etc.);
  • intern im Bereich des betrieblichen Managements (Hierarchisierung, Kompetenzverteilung, Kooperation etc.). Hier interessiert der Trend, dass nichtstaatliche Organisationen (NGOs) bei Grosskatastrophen vermehrt selber mit eigenem Personal operativ werden und dass lokalen Partnern weniger Verantwortung übertragen wird. Die organisatorischen Konsequenzen solcher Organisationsentwicklungen für die Hilfs- und Entwicklungsarbeit werden meist übersehen.

Die Verknüpfung der Binnenperspektive des humanitären Sektors mit ethnologischer Theoriebildung verleiht der Veranstaltung den Charakter einer Politökonomie von Entwicklungsorganisation. Ein wichtiges Lernziel besteht zudem darin, den Studierenden die Ambivalenzen und Widersprüche einsichtig zu machen, denen Institutionen und Einzelpersonen in der komplexen Alltagsrealität der Humanitären Hilfe (Katastophenhilfe) unterliegen. Sie produzieren zum Teil von aussen schwer nachvollziehbare Entscheidungen mit nicht intendierten Konsequenzen.

Methode

Offenes Diskussionsklima
Es wird auf ein offenes, kritisches und transparentes Arbeitsklima mit klaren Zielvorgaben geachtet. Theoretische Konzepte und Fallbeispiele werden gegen ideologisch-fundamentalistisches Debattieren abgegrenzt. In dieser Haltung werden auch innerbetriebliche Probleme der Macht-, Kompetenz- und Ressourcenverteilung kritisch betrachtet und analysiert.

Partizipatives Lernen
Folien, Zeichnungen und Illustrationen bilden Standardinstrumente der Wissensvermittlung. Zudem werden die Studierenden anhand von schrittweisen Inputs aus der Praxis und anhand konkreter Fragestellungen in die Lage versetzt, neue Einsichten eigenaktiv zu erschliessen.

Blick in die Werkstatt der Humanitären Hilfe
Ausgewählte Passagen aus realen Evaluationen, Projektanträgen, Berichten zu Fallbeispielen (meist von Caritas) werden zugänglich gemacht. Sie gewähren Einblick in die Logik, Interessenlage und Handlungsstrategien von Hilfsorganisationen und werden mit der Berichterstattung in Printmedien verglichen.

Begleitende Lektüre
Von den Studierenden wird erwartet, dass Sie den dargebotenen Stoff durch weiterführende Lektüre vertiefen. Ausgesuchte Texte sollen ermöglichen, die Dynamik der humanitären Hilfe auch aus andern als der vom Dozenten vertretenen Perspektive zu betrachten.

Proseminararbeiten
Durch Proseminararbeiten zu Fallbeispielen von NGOs aus dem In- und Ausland lernen die Studierenden aktiv zu recherchieren und sich mit den erhaltenen Inputs aus der Praxis in Eigenarbeit kritisch auseinanderzusetzen. Durch den Vergleich von Caritas mit anderen NGOs wird der behandelte Stoff in der Vorlesungen besser nachvollziehbar und der Lerneffekt erhöht.

Länderbeispiele (bei einsemestriger Veranstaltung: zur Auswahl)

Fallbeispiel 1: Nordirak ab 1991-1994
o erste Humanitäre Intervention durch die UN
o Korruptionsgefahren in der Humanitären Hilfe und insbesondere bei complex emergencies
o Innerbetriebliche Dynamik:
§ Aufbau eigener operationeller Verantwortung von Caritas Schweiz anstelle einer Implementierung der Hilfe über einen lokalen Partner:
· Rekrutierungsproblematik, Einführung der Delegierten, Entlöhnung
· Umgang und Entlöhnung von lokalem Personal, Evakuierungsproblematik
· Aufbau der Administration, Problem der Cash-Transporte
· Beziehung Feld-Zentrale (Reporting, Monitoring)
· Einsatz von Frauen in der Feldarbeit
· Umgang mit Lieferanten
· Umgang mit Sicherheitsproblemen
§ Evaluierung des Nordirak-Einsatzes. Sie führte zur Bildung einer neuen Abteilung ¿Katastrophenhilfe¿ zur strategischen Positionierung der Caritas im Hinblick auf erhöhte Bereitschaft im Katastrophenfall.

Fallbeispiel 2: Wiederaufbau in Bosnien ab 1995
o New humanitarism: Politisch-militärische Intervention anstelle Humanitärer Hilfe?
o ¿NGO-Boom¿: Regierungen geben ab neunziger Jahren immer mehr Gelder über NGOs aus. Weil die öffentlichen Zuwendungen für NGOs in der Folge immer wichtiger werden, drängen auch immer mehr Akteure auf den Markt.
o Regierungen stellen ab neunziger Jahren immer mehr Geld für Humanitäre Hilfe (im Vergleich zur Entwicklungshilfe) bereit. In der Folge drängen auch Akteure auf den Markt, die vorher ausschliesslich in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert waren.
o Dezentralisierung: Regierungen werden vermehrt selber aktiv. Sie eröffnen vor Ort eigene Büros und delegieren die Kompetenzen zur Mittelvergabe vermehrt ins Feld. Auch Nord-NGOs sind vermehrt mit eigenem Personal vor Ort präsent oder breiten sich mit Ablegern in der 3. Welt aus.
o Konkurrenz: Regierungen praktizieren vermehrt eine (internationale) Ausschreibungspraxis für die Projektvergabe.
o Delegation: Regierungsgelder werden nicht mehr nur an Nord NGOs aus dem eigenen Land, sondern auch an NGOs von anderen Nordstaaten oder direkt an Südpartner verteilt.
o Innerbetrieblich:
§ Professionalisierungsschritte in der Operationalität und Logistik (Umgang mit Lieferanten, lokalen Machthabern, Hilfskräften, Baustandards, Controlling)
§ Auswahl der Begünstigten als wichtiges Kernthema:
· Do no harm: Begünstigte sind nicht nur Katastrophengeschädigte, sondern auch lokal ansässige sozial benachteiligte Gruppierungen.
· Delegierte übernehmen Verantwortung bei Auswahl der Begünstigten.

Fallbeispiel 3: Wiederaufbau in Honduras 1998-2004 nach Hurrican Mitch
o Veränderungen im Spendenverhalten: Die traditionellen Spendermilieus brechen ein
o Visibility: Der Wettbewerb um Ressourcen wird noch intensiver, starker Fokus auf Humanitäre Hilfe mit Medieninteresse
o Struktur und Funktionsweise der Schweizerischen Glückskette; Beispiel der Evaluationspraxis
o Innerbetrieblich: kontroverse Zuständigkeiten
§ Führungsprobleme bezüglich Soforthilfe
§ Führungsprobleme bezüglich Übergabe der Wiederaufbauhilfe und langfristigen Entwicklungszusammenarbeit
§ Konzeptdefizite: Wie kann Kontinuität der Humanitären Hilfe sichergestellt werden?

Fallbeispiel 4: Wiederaufbau im Iran ab 2004 nach Erdbeben
o Der Wettbewerb dehnt sich auch innerhalb des internationalen Caritas-Netzwerkes aus
o Neue Rolle des Dachverbands in der Reaktion auf Grosskatastrophen
o Innerbetrieblich: Erdbebensicherheit als operationelle Herausforderung.

Fallbeispiel 5: Wiederaufbau in Sri Lanka ab 2005 nach der Tsunamikatastrophe:
o Nord-NGOs breiten sich in immer mehr Nordstaaten aus (Ableger, Branchen); neue Ableger/Branchen dringen in etablierten Spendenmarkt und in Beitragsquoten der Regierungen des jeweiligen Landes ein
o Neue Formen der Arbeitsteilung unter den Protagonisten der verschiedenen NGO- Netzwerke
o Innerbetrieblich: Verschärfung der unklaren Führung durch Geschäfts- und Bereichsleitung über Zuständigkeit/Lead bei Soforthilfe für die Fach- oder Länderkompetenz als Kriterium. Die Verteilung der internen Ressourcen bleibt provisorisch.

Teaching staff

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Frequency Weekday Time Format / Place Period  
weekly Di 9.15-17.00 A3-126 02.05.2006 2.-3. Mai und 21.-22. Juni ganztägig
weekly Mi 9.15-16.00 U4-120 03.05.2006
block Block U5-217 21.06.2006
block Block U5-217 22.06.2006

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Subject assignments

Degree programme/academic programme Validity Variant Subdivision Status Semester LP  
Politikwissenschaft / Bachelor (Enrollment until SoSe 2009) 3.3a   5. nur für Studierende ab 5. Semester!  
Soziologie Nebenfach 2.4.7 Wahlpflicht HS
Soziologie / Diplom (Enrollment until SoSe 2005) 2.4.7 Wahlpflicht HS

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Thursday, April 27, 2006 
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Thursday, April 27, 2006 
Type(s) / SWS (hours per week per semester)
seminar (S) / 2
Department
Faculty of Sociology
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