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300087 Organisierte Brutalität - Tödliche Gruppen und Organisationen (S) (WiSe 2011/2012)

Inhalt, Kommentar

+++ ACHTUNG, das Seminar beginnt in der zweiten Vorlesungswoche, d.h. am 17.10.11! +++

Das Erkenntnisinteresse des forschungsorientierten Seminars „Organisierte Brutalität – Tödliche Gruppen und Organisationen“ bezieht sich auf den soziologischen Zusammenhang zwischen

(a) Situationen, in denen Einzelpersonen oder Personengruppen andere Personen gezielt und in direktem Kontakt („Face-to-Face“) körperlich verletzen, quälen, foltern oder töten, und

(b) der Tatsache, dass die betreffenden Personen dabei als Angehörige einer sozialen Gruppe oder als Mitglieder einer formalen Organisation handeln. Die in solchen Situationen „tödlichen“ Gruppen und Organisationen existieren dabei über das Tatgeschehen hinaus. Sie werden aber womöglich abhängig von den konkreten Situationsverläufen in ihrer Existenz gefährdet. Denkbar ist, dass die Verletzung oder Tötung z.B. mit dem Risiko verbunden ist, dass die entsprechend Handelnden selbst verletzt, getötet oder durch „interessierte Dritte“ wie staatliche Stellen festgenommen oder in anderer Form unschädlich gemacht werden.

Die aktuelle Kontroverse über die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ (E. Conze et al. 2010, München: Blessing) zur Verstrickung des deutschen Auswärtigen Amts in den Holocaust verdeutlicht, wie voraussetzungsvoll es methodisch und theoretisch ist, eine ganze Organisation als „verbrecherisch“ oder in unserem Fall: als „tödlich“ zu bezeichnen. Für das Seminar wird daraus zum einen eine methodische Konsequenz gezogen, nämlich bescheidener vorzugehen und zunächst konkrete Situationen des körperlichen Verletzens, Folterns und Tötens in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen und davon ausgehend den jeweiligen Zusammenhang von Situation und Gruppenprozessen bzw. der Organisiertheit der Beteiligten zu untersuchen. Erst in einem zweiten Schritt soll schließlich auch diskutiert werden, welche strukturellen Folgen das wiederholte Quälen, Foltern und Töten für die betreffenden Gruppen bzw. Organisationen hat. Zum anderen sensibilisiert die Kontroverse für die Frage, ob und inwiefern mit „organisierter Brutalität“ einerseits und „tödlichen Gruppen und Organisationen“ andererseits nicht zwei sehr unterschiedliche soziologische Komplexe angesprochen werden, wie man im Anschluss an die Theorie der Ebenendifferenzierung sozialer Systeme (N. Luhmann) und die mikrosoziologische Gewaltforschung (R. Collins) vermuten kann.

Die Auswahl der Fälle richtet sich vor allem danach, inwiefern sie bereits einigermaßen materialreich dokumentiert sind, z.B. durch kriminologisch-juristische Ermittlungen, durch historische Studien oder durch (besonders sensibel zu behandelnde) journalistische Reportagen. Mögliche Fälle sind demnach die Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung von Józefów durch das Reservepolizeibataillon 101, die Massaker von My Lai und My Khe, die „May 4 Shootings“ an der Kent State University, die Schusswechsel zwischen Mitgliedern der Roten Armee Fraktion und der Polizei oder die Geschehnisse im Gefängnis von Abu Ghraib. Weitere Fälle beziehen sich auf öffentliche Hinrichtungen, polizeiliche Folter, Pogrome, terroristische Anschläge und Selbstmordattentate.

Die (Organisations-)Soziologie hat sich bisher schwer getan mit der Analyse von „organisierten Brutalitäten“. Demgegenüber bietet die (experimentelle) Sozialpsychologie zahlreiche Einsichten in dieses Forschungsfeld, oftmals allerdings ohne sich darüber aufzuklären, dass in den betreffenden Studien Mechanismen beschrieben werden, die typisch für soziale Gruppen und formale Organisationen sind. Ein zentrales Ziel des Seminars ist daher die am Erkenntnisinteresse orientierte Vermittlung sozialpsychologischer Erkenntnisse mit gruppen- und organisationssoziologischem Denken.

Teilnahmevoraussetzungen, notwendige Vorkenntnisse

Erforderlich sind grundlegende organisationssoziologische Kenntnisse, d.h. mindestens der erfolgreiche Besuch einer organisationssoziologischen Grundlagenveranstaltung sowie idealerweise eines weiteren Seminars bzw. einer Problemfeldanalyse.

Vorausgesetzt werden vor allem Kenntnisse des soziologischen Begriffs formaler Organisation, der mit dem so genannten Mitgliedschaftskonzept verknüpft ist, sowie - in Abgrenzung dazu - des soziologischen Gruppenbegriffs. Einschlägig dazu sind die Literaturtitel:

Luhmann, Niklas. 1964. Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin: Duncker & Humblot (insbesondere Kap. 1-3).

Luhmann, Niklas. 1975. „Interaktion, Organisation, Gesellschaft“. S. 9-20 in Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Neidhardt, Friedhelm, Hrsg. 1983. Gruppensoziologie. Sonderheft 25 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Tyrell, Hartmann. 2008. „Zwischen Interaktion und Organisation: Gruppe als Systemtyp“. S. 39-54 in Soziale und gesellschaftliche Differenzierung. Aufsätze zur soziologischen Theorie, herausgegeben von Bettina Heintz, André Kieserling, Stefan Nacke, und René Unkelbach. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Literaturangaben

(Anmerkung: Es handelt sich bei den genannten Titeln um eine vorläufige Auswahl - Stand: Juni 2011.)

Adams, G.B., Balfour, D.L. & Reed, G.E., 2006. Abu Ghraib, Administrative Evil, and Moral Inversion: The Value of “Putting Cruelty First”. Public Administration Review, 66(5), S.680-693.

Collins, R., 1974. Three faces of cruelty. Towards a comparative sociology of violence. Theory and Society, 1(4), S.415-440.

Goffman, E., 2007. Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kühl, S., 2005. Ganz normale Organisationen. Organisationssoziologische Interpretationen simulierter Brutalitäten. Zeitschrift für Soziologie, 34(2), S.90-111.

Perrow, C., 2009. Foreword to the Revised Edition. In Unmasking Administrative Evil. Armonk/London: M.E. Sharpe.

Silver, M. & Geller, D., 1978. On the Irrelevance of Evil: The Organization and Individual Action. Journal of Social Issues, 34(4), S.125-136.

Zimbardo, P., 2009. The Lucifer Effect. How Good People turn Evil, London: Rider.

Lehrende

Termine (Kalendersicht )

Rhythmus Tag Uhrzeit Format / Ort Zeitraum  
wöchentlich Mo 10-12 S2-147 10.10.2011-30.01.2012
nicht am: 10.10.11 / 26.12.11 / 02.01.12 / 09.01.12
einmalig Mo 11-12 U3-211 19.12.2011
einmalig Sa 09-20 S2-147 18.02.2012

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Klausuren

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Fachzuordnungen

Studiengang/-angebot Gültigkeit Variante Untergliederung Status Sem. LP  
Pädagogik / Erziehungswissenschaft / Diplom (Einschreibung bis SoSe 2008) H.S.2; H.S.3; H.S.1    
Politische Kommunikation / Master (Einschreibung bis SoSe 2013) 3.1 Wahl 3 (bei Einzelleistung 2 LP zusätzlich)  
Soziologie / Diplom (Einschreibung bis SoSe 2005) 2.2.3 (DPO02) Wahl HS
Soziologie / Master (Einschreibung bis SoSe 2012) Modul 6.2 Wahl 3 (bei Einzelleistung 3 LP zusätzlich)  
Soziologie / Master (Einschreibung bis SoSe 2012) Modul 6.1 Wahl 3 (bei Einzelleistung 3 LP zusätzlich)  
Soziologie / Master (Einschreibung bis SoSe 2012) Modul 2.1 Wahl 3 (bei Einzelleistung 3 LP zusätzlich)  
Soziologie / Master (Einschreibung bis SoSe 2012) Modul 2.2 Wahl 3 (bei Einzeilleistung 3 LP zusätzlich9  
Konkretisierung der Anforderungen

Für die Bescheinigung der aktiven Teilnahme:
Regelmäßige Anwesenheit; Lektüre der erforderlichen Literatur zu jeder Sitzung und Beteiligung an den Diskussionen; Übernahme kleinerer Seminaraufgaben.

Für eine benotete Einzelleistung:
Siehe "Für die Bescheinigung der aktiven Teilnahme" + Verfassen einer problemorientierten Hausarbeit auf der Grundlage eines selbst verfassten Exposés und eines obligatorischen Beratungsgesprächs während der Vorlesungszeit.

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