Start my eKVV Studieninformation Lernräume Prüfungsverwaltung Anmelden

250377 Ringvorlesung: Programme und Technologien in/der Kindheit (V) (WiSe 2019/2020)

Kurzkommentar

öffentliche Ringvorlesung, Studienleistungen können nur durch gleichzeitige Teilnahme an gleichnamigen Begleitseminar (Dahmen) im Master EW (Modul 25-ME1, E2) erbracht werden

Inhalt, Kommentar

Im Rahmen der Ringvorlesung verstehen wir „Programme und Technologien“ als heuristische Be-griffe für die Analyse aktueller gesellschaftlicher Einflussnahmen auf geplante Transformationen der Lebensphase Kindheit. In der Erziehungswissenschaft werden mit dem Begriff der „Sozialtech-nologie“ - nicht selten pejorativ konnotiert - Formen von politisch regulierten, zweckorientierten Maßnahmen und Instrumenten benannt, die möglichst von außen vorgegebene Ziele unter Ver-wendung von sozialwissenschaftlichen Wissen erreichen sollen und einem rationalistischen Ver-ständnis von politischer Gestaltung unterliegen. Mit dem „Technologiedefizit der Erziehung“ wiesen Luhmann & Schorr (1982) allerdings darauf hin, dass sich Erziehung und Bildung aufgrund des Feh-lens eindeutiger linearer Kausalzusammenhänge und der Selbstreferenzialität der Subjekte einer standardisierten Technologisierung eher entziehen. Ganz im Sinne dieser Thematisierungsweisen beziehen wir uns mit „Technologien in/der Kindheit“ auf all jene Phänomene, in welchen der sys-tematische Einsatz (sozio-)technischen Wissens zur planmäßigen Einwirkung, Beeinflussung oder Steuerung der aufwachsenden Generation eine Rolle spielen – auch wenn mit Luhmann und Schorr daran gezweifelt werden kann, dass sich die programmatischen Hoffnungen in diese Technologien immer auch praktisch erfüllen.
In historischer Perspektive sind Prozesse der Etablierung und Ausbreitung von medizinischem, pä-dagogischem, psychologischem und risikostatistischem Wissen über Kinder auf das Engste mit auf Kinder abzielenden sozialpolitischen Gestaltungsversuchen verknüpft gewesen (Turmel 2008; Kelle & Mierendorff 2013; Eßer 2014). Programme können als „Technologien des Regierens“ (Rose 1999) begriffen werden, welche mit spezifischen „Versicherungs-, Versorgungs- und Fürsorgetechnolo-gien“ (Kessl & Krassmann 2019: 279) operieren. Zum anderen ist damit auch eine wachsende Tech-nologisierung der „Arbeit an Personen“ zu fassen, welche sich auf professionell-praktischer Ebene etwa in dem verstärkten Rekurs auf „Risikotechnologien“ zur Einschätzung von Entwicklungs- und Gefährdungspotenzialen (Bastian & Schrödter 2015) von Kindern oder der Verbreitung technologi-sierter, „evidenzbasierter“ Programme (etwa im Bereich der Elternbildung und der Frühen Hilfen) niederschlägt. So ist z.B. die Frage nach dem Einfluss unterschiedlicher „technologies of categoriza-tion“ (White, Hall & Peckover 2008) auf professionelle Praxis und deren Adressat*innen bisher in der Forschung unzureichend beantwortet, unabhängig davon, ob diese in digitaler oder analoger Form vorliegen (wie z.B. Dokumentationssysteme, Risikoassessments, Entwicklungsdiagnosetools, Sprachtests oder Kompetenzfeststellungsverfahren). Diese „technologies of reading and writing“ (Smith & Schryer 2008) machen einen Fall auf spezifische Weise „sichtbar“, objektivieren und legi-timieren die damit zusammenhängende Klassifikation von Menschen und das darauffolgende insti-tutionelle Prozessieren von Fällen. Nicht zuletzt verweist eine Vielzahl an ethnographischen und organisationsoziologischen Studien darauf, dass Erziehungs- und Bildungsorganisationen mit spezi-fischen „people-changing technologies“ (Hasenfeld 1973; vgl auch Klatetzki 2018) operieren. Mit dem Konzept der „Technologie“ lassen sich neben materialen Technologien (Maschinen, Instru-menten, etc.) auch all jene Verfahren analysieren, die systematisch und methodisch Formen von Sozialität und Formen von Subjektivität herstellen. Foucaults Konzept der „Technologien des Selbst“ (Foucault 1993) verweist auf all jene Formen der Therapie, des Selbstmanagements oder von päda-gogischer Einflussnahme, welche auf das Hervorbringen einer sich selbst regulierenden Subjektivi-tät abzielen.
Technologien in der Kindheit umfassen auch die rapide Verbreitung und allgegenwärtige Präsenz von digitalen Technologien (Smartphone, Tablets) im familiären, außerschulischen und schulischen Kontexten, welche einen grundlegenden Einfluss auf die Lern- und Sozialisationsprozesse von Kin-dern und Jugendlichen haben. (Medien)praktiken innerhalb der Familie, in der Peer-Group und im digitalen Raum unterliegen einem Wandel, dessen Tragweite zu diesem Zeitpunkt nur bedingt ab-sehbar ist: Die Ausweitung von Technologien in der Kindheit soll dabei nicht nur in Hinsicht auf deren Auswirkungen auf veränderte Mediennutzungsmuster beleuchtet werden, vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt, wie unterschiedliche Aspekte der Technologisierung kindliche Lern- und Le-benswelten verändern.
Die Ringvorlesung möchte anhand exemplarischer Studien verschiedene Programme/Technologien in/der Kindheit in den Blick nehmen und aus verschiedenen disziplinären Perspektiven beleuchten. Eingeladen sind Vortragende, die in den letzten Jahren empirische Studien zu Programmen und Technologien in/der Kindheit in verschiedenen Bereichen vorgelegt haben oder derzeit daran arbeiten.

Teilnahmevoraussetzungen, notwendige Vorkenntnisse

Die Ringvorlesung richtet sich an Studierende und Mitarbeiter aller Fakultäten und Fachrichtungen sowie alle am Thema Interessierten. Ausschließlich für Studierende der fachwissenschaftlichen MA Erziehungswissenschaft besteht die Möglichkeit im Rahmen des begleitenden Seminars (Veranstaltungsnummer: 250378) studiumsrelevante Leistungen zu erbringen.

Literaturangaben

Bastian, P., & Schrödter, M. (2015). Risikotechnologien in der professionellen Urteilsbildung der Sozialen Arbeit. In: Kutscher, N; Ley, T. Seelmeyer U.; (Hrsg.) Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Reihe Grundlagen der Sozialen Arbeit 38, Schneider Verlag, Hohengehren, S. 192-207.
Eßer, F. (2014). Die verwissenschaftlichte Kindheit. In: Baader, M. S., Eßer, F., & Schröer, W. (2014). Kindhei-ten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge. Frankfurt/M.: Campus, S. 124-153.
Foucault, M. (1993). Wahrheit, Macht, Selbst. Ein Gespräch zwischen Rux Martin und Michel Foucault. In: Martin, L.H.;Gutman H.; Hutton, P.H. (Hg.), Technologien des Selbst, Frankfurt aM: Fischer, S. 15-23.
Hasenfeld, Y. (1972). People processing organizations: An exchange approach. American Sociological Review, 256-263.
Kelle, H., & Mierendorff, J. (Eds.). (2013). Normierung und Normalisierung der Kindheit. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
Kessl, F., & Krasmann, S. (2019). Sozialpolitische Programmierungen. In: Kessl, F; Reutlinger, C. (Hrsg). Handbuch Sozialraum Springer VS, Wiesbaden, S. 277-297.

Lehrende

Termine (Kalendersicht )

Rhythmus Tag Uhrzeit Ort Zeitraum  
wöchentlich Mi 16-18 H2 23.10.2019-29.01.2020

Klausuren

  • Keine gefunden

Fachzuordnungen

Konkretisierung der Anforderungen
Keine Konkretisierungen vorhanden
Lernraum
TeilnehmerInnen
Automatischer E-Mailverteiler der Veranstaltung
Änderungen/Aktualität der Veranstaltungsdaten
Sonstiges