230637 „Niedergang. Die Literatur der Dekadenz in Frankreich“ (S) (SoSe 2026)

Inhalt, Kommentar

Bekanntermaßen ist die Dekadenz eine Denkfigur der Antike (der Mythos des Goldenen Zeitalters, der Untergang des römischen Reiches). Ab dem 19. Jh. jedoch entwickelt Dekadenz bemerkenswerte Aktualität, und zu Beginn des 20. Jh. wird sie in unterschiedlichen Wendungen zum dominanten Faktor in Kunst, Gesellschaft und Politik. Es wäre jedoch ein Missverständnis anzunehmen, dass die Dekadenz die Moderne in Frage stellte. Vielmehr wendet sie sich gegen deren offenkundigste Ausprägung, nämlich gegen den in der Aufklärung gründenden Fortschritt. Tatsächlich bestätigt der Dekadentismus das Zeitregime der Moderne, bzw. die Verzeitlichung der Geschichte (Koselleck), deren Verständnis von Menschheit und Welt historisch ist, welche in der Konsequenz als fortschreitende, zielgerichtete und universale Entwicklung erscheinen. Dekadenz bedeutet in dieser Hinsicht, dass die Fortschrittsgeschichte einen ehemals glücklichen Zustand zerstört. Es handelt sich um eine Diskurstradition, die der Dystopie nahe steht und starken Anteil an der Apokalypse als Offenbarung des Endes hat. Mit letzteren hat sie die Ankündigung von Neuanfang und Regeneration gemein.
Wie am Beispiel der französischen Literaturgeschichte zu zeigen sein wird, macht den décadentisme eine eigentümliche Konkretheit aus, die ihn tendenziell kämpferisch aufstellt gegen die Verfallsgeschichte des rationalistischen Fortschritts zugunsten einer vitalistischen Erneuerungsgeschichte. Wesentlich ist Nietzsches Argument, dass die Dekadenten ihren Niedergang selbst bekräftigen im Namen der (lebensverneinden) Moral. Bezeichnend ist auch, dass die Erschöpfung und Ermattung, die Autoren wie Paul Verlaine und Joris-Karl Huysmans am dekadenten Subjekt anschaulich machen, politisch gewendet wird als kollektiver Verfall der Nation. Der Nationalisme intégral trat u.a. mit Charles Maurras an, um Einheit und Größe der französischen Nation wieder herzustellen und diente in der Dritten Republik der rechtsextremen Action française als doktrinäre Ausrichtung.
Fluchtpunkt der Debatte im Seminar ist jedoch die Gewalt, mit die Dekadenz in die politische Debatte des 21. Jh. zurückkehrt. Der déclinisme mobilisiert gegen den Selbstmord Frankreichs (Renaud Camus, 2014; Éric Zémmour, 2014), der durch Betreiben des Großen Bevölkerungsaustauschs (Grand Remplacement, Renaud, 2011) vollzogen werde. Im Grunde handele es sich um einen remplacisme global, so Renaud Camus, der die wahre Realität des „Genozids durch Substitution“ durch eine falsche Wirklichkeit des Antirassismus, der Verteidigung der Menschenrechte, des Globalismus u.a. „austausche“. Der Wille zur Macht des zeitgenössischen Dekadenzdiskurses kommt in Zémmours Partei Reconquête und dessen Präsidentschaftskandidatur 2022 klar zum Ausdruck. Philosophisch wird die unglückliche Identität eines überfremdeten Frankreichs durch Alain Finkielkraut (2013) reflektiert. Detailliert in Szene gesetzt wird die „Islamisierung“ Frankreichs, um die es bei der vermeintlichen „Eroberung“ immer geht, jedoch durch Michel Houellebecqs Roman Soumission (Unterwerfung) (2015).

Literaturangaben

Dieter Borchmeyer: „Décadence“, in: Dieter Borchmeyer; Viktor Žmegač (Hgg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. Tübingen: Max Niemeyer, 1994, 69-76
Pierre-André Taguieff: Le retour de la décadence. Penser l'époque postprogressiste. Paris: Presses Universitaires de France, 2002

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wöchentlich Di 16-18 X-E1-107 13.04.-24.07.2026

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Literatur, Künste, Medien Studienleistung
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Seminar mit Lektüreschwerpunkt Studienleistung
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benotete Prüfungsleistung
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Literatur und Medien (2) Studienleistung
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23-LIT-PM4 Profilmodul 4: Literatur, Philosophie und Theorie Profilmodul 4: Literatur, Philosophie und Theorie Literatur, Philosophie und Theorie (1) Studienleistung
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Literatur, Philosophie und Theorie (2) Studienleistung
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- benotete Prüfungsleistung Studieninformation
23-ROM-B3-F_a Profilmodul Literaturwissenschaft Französisch Profilmodul Literaturwissenschaft Französisch Autor/innen – Werke – Gattungen Studienleistung
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Vertiefungsseminar "Autor/innen – Werke – Gattungen" oder "Literatur im kulturhistorischen Kontext“ mit Lektüreschwerpunkt benotete Prüfungsleistung
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23-ROM-B4_a Profilmodul Kultur- und Medienwissenschaft Profilmodul Kultur- und Medienwissenschaft Kulturelle Grundlagen sprachlicher und literarischer Kommunikation Studienleistung
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Vertiefungsseminar "Kulturelle Grundlagen sprachlicher und literarischer Kommunikation" oder "Medientechniken und -praktiken in Geschichte und Gegenwart" mit Lektüreschwerpunkt benotete Prüfungsleistung
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Art(en) / SWS
Seminar (S) / 2
Einrichtung
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
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