230027 Kitsch und Kitschtheorie. Zum Wertungsproblem in der Ästhetik (BS) (SoSe 2026)

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Ein Charakteristikum von Kitsch ist Kumulation, sagt Walther Killy mit Recht. Der Kitsch kann sich nicht begnügen, er will stets alles – und alles gleichzeitig. Darum häuft er an, um das Unermessliche der subjektiven Empfindung symbolisch zu kodieren. Sprache, auch bildende Kunst sind immer defizitär, verglichen mit der Größe, die artikuliert werden soll. Weil soviel an innerlicher Bewegung ausgedrückt werden muss, sagt Kunst als Kitsch nichts mehr in Konkretion aus. Es geht nur darum, den Grad der Erregtheit möglichst unvermittelt auf den Betrachter, Leser oder Zuhörer übergehen zu lassen. Der Kitsch scheitert also in der sprachlich, bildnerisch-formalen und rationalen Bewältigung der eigenen Gerührtheit und gibt eben diese Rührung unreflektiert an den Rezipienten weiter. Im Genuss des Kitsches wiede-rum werden abermals Reflexion und Distanz ausgeschaltet. Wer Kitsch genießt, erlebt sinnlich ohne Kunstanstrengung, ohne den Umweg über das ästhetische Urteil im Sinne Kants. „Süße macht schlaff“, sagt Edmund Burke dazu. Kunst fordert, strengt an, ist Arbeit, Kitsch nicht. Mit der Orientierung am einfachen Reiz, der Einbildungskraft und Verstandestätigkeit nicht in ein Wechselspiel miteinander bringt, wird das interesselose Wohlgefallen am Schönen, wie Kant es versteht, hintertrieben. Der Rezipient hat nun Interesse, eben am einseitig sinnlichen Genuss. Der verspricht das unmittelbar Angenehme, die Befriedigung, die damit verbunden ist, und die der Genießende ohne bewusste Trennung von Subjekt und Objekt zu erfahren vermeint.
Diese Bestimmung gilt für fast alle Phänomene, die man Kitsch nennt. Doch was mit dem Wort gemeint wird, ist als Gegenstandsbereich einigermaßen heterogen, was sich beispielhaft an der bildenden Kunst durchdeklinieren lässt. Es gibt den Kaufhauskitsch der grausam unfähigen Laienmaler, den Devotionalienkitsch mit seinen Madonnenbildchen und süßlichen Engelchen oder den Regentenkitsch, der die Mitglieder der Royals auf den alltäglichen Kaffee-becher zaubert. Der klassische Gartenzwerg wie der Nippes aus Porzellan machen dem Sou-venir aus fremden Landen heimatliche Konkurrenz oder dem in einer Büste gegossenen Andenken an die verehrte Künstlerfigur. Anders gelagert ist der soldatische Kitsch, die falsche Form der Heroisierung, die vor allem in totalisierenden Regimes Konjunktur hat. Ein ganz eigenes Kitschsegment hat bekanntlich die deutsche Jägerschaft ausgeprägt mit dem schon sprichwörtlichen, röhrenden Hirschen. Auf diesem formalästhetischen Niveau angesiedelt ist der Groschenroman in Heftform, der auch noch im Schreibakt selbst quasi industriell erzeugt wird. Früher hat man die Comics in diese Schublade getan und als Schund verteufelt, um dagegen die Sphäre der reinen, autonomen Kunst hoch zu halten, die als Bildungsgut verstan-den und entsprechend verteidigt werden musste.
Durch die Einflüsse der populären Kultur, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, sind diese Grenzen längst gefallen. Kitsch ist, als ironische Geste, längst wieder möglich. 2002 hat Bodo Kirchhoff z. B. ein Buch vorgelegt mit dem schönen Titel Schundroman. Die heutige Entgrenzung des Kitschbegriffs entspricht eher einem lustvollen postmodernen Tummelplatz als der züchtigen Erziehung zu bestimmter Negation nach dem Geschmack Adornos. Wenn Jeff Koons in der Berliner Neuen Nationalgalerie das Kunstereignis des Jahres in Deutschland war, greift der Terminus Kitsch offenbar für viele nicht mehr als Verdikt. Die Mimesis der Mimesis sollte der Begriff einst pejorativ bezeichnen, falsche Nachahmung, Kopie des Origi-nellen, Anbiederung an eingefahrene Rezeptionsgewohnheiten. Hermann Broch hat im Kitsch noch das radikal „Böse im Wertsystem der Kunst“ ausgemacht. Angeprangert wurde der „sentimentale Selbstgenuss“, der sich bei den Massen einschmeicheln wolle. Kleinbürgertum und falsche (Neo-)Romantik sind aus dem Zeithorizont des späten 20. Jahrhunderts die Adressaten für die Beschwerden über Kitsch.
Anders gelagert ist jener Kitschbegriff, der Distinktion erzwingen will. Er ist Teil der Dis-kussion um Innovation des künstlerischen Materials. Zeitgenössisch will sich hier eine Gruppe von Künstlern gegen andere abgrenzen, etwa eine ältere, etablierte Schule, die nun bezichtigt wird, nur Kitsch vorzulegen. Die neue Avantgarde wird sich dann als die eigentlich legitime Kunstpraxis feiern und die andere, zu verdrängende, als illegitim diffamieren. Das Modell der alternden Avantgarden hat Bourdieu entwickelt. Man bildet symbolisches Kapital aus und erntet stark spezifische „Konsekrationen“ (Weihen), indem man die bereits Arrivierten (Aka-demiemitglieder und Salonmaler zum Beispiel) als überholte, formal zurückgebliebene Vetera-nen denunziert und die eigenen Mittel als Neuerungen preist. Wenn sich der eigene Ruf festigt, werden die Errungenschaften verwaltet, die Formensprachen nur ausgekleidet. Man sammelt Preise, wird anerkannt, kanonisiert und kann nun auch über das entsprechende ökonomische Kapital verfügen. Dann setzt der Zyklus mit einer nachrückenden Bohème wieder ein.
Im Seminar werden wir die verschiedenen Ansätze und Definitionen der Kitschtheorie (und der literarischen Wertung) kennenlernen und an geeignetem Text- und Bild-Material erproben. Als Grundlage dient dazu der nachfolgend genannte Reader.

Bibliography

Bitte anschaffen: Kitsch. Texte und Theorien. Hg. von Ute Dettmar und Thomas Küpper. Stuttgart: Reclam 2007.

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