221059 Kolonialherrschaft und Kastensystem. Indien und Hispanoamerika im Vergleich (S) (WiSe 2003/2004)

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Der portugiesisch eingeprägte Begriff "Kaste" (casta= unvermischt, rein) ist seit der Frühen Neuzeit zur Bezeichnung der Sozialordnung zweier Weltregionen, Indien und Lateinamerika, verwendet worden. Ursprünglich diente der Begriff in Portugal und in Spanien zur Bezeichnung von Tierrassen. Die portugiesischen Seefahrer des ausgehenden Mittelalters übertrugen den Begriff dann auf die von ihnen in Asien vorgefundenen Menschengruppen. Im weiteren Verlauf des frühen Entdeckungszeitalters wurde der Begriff schließlich von Spaniern und Portugiesen auf die Bevölkerungsgruppen ihrer Überseeterritorien in Amerika ausgedehnt. Fortan stand der Begriff in Asien und Lateinamerika für eine Vielzahl von Bedeutungen - Verwandtschaftsgruppe, Stamm, Stand, Berufskategorie, rituelle Differenzierung. In Hispanoamerika gewann der Begriff Kaste im Laufe des 17. Jahrhunderts Festigkeit, aus dem Bedürfnis der Kolonialadministration heraus, einer heterogenen und regional unterschiedlichen sozialen Realität eine einheitliche, klare und handhabbare Charakterisierung zu geben. Diese Entwicklung vollzog sich in Indien erst im 19. Jahrhundert und wurde hier zudem von der Herausbildung der modernen Anthropologie beeinflusst. Während die hispanoamerikanische "Kastengesellschaft" (sociedad de castas) als eine im frühneuzeitlichen Kontext relativ dynamische Sozialordnung galt, die zudem mit der Unabhängigkeit Lateinamerikas im frühen 19. Jahrhundert ihr Ende fand, bildete "die Kastenordnung" Indiens für europäische Beobachter bis ins 20. Jahrhundert hinein ein tradiertes Wesenselement der indischen Zivilisation, das diese zu immerwährender Erstarrung verurteilt habe. Im Seminar wird zunächst versucht, die historische Entwicklung unterschiedlicher europäischer Diskurse über Kasten herauszuarbeiten. In einem weiteren Schritt sollen die mit dem Kastenbegriff (spanisch casta, Sanskrit jati) assozierten Ideen, Praktiken und Setzungen untersucht werden. Die Analyse von Fallbeispielen sozialer Bewegungen der Kolonialzeit soll wiederum aufzeigen, auf welche Weise das Verständnis von Kaste als geschlossene Gruppeneinheit zu einer handlungsleitenden Idee wurde. Sind die Entwicklungen der indischen Kolonialgesellschaft mit denen aus Lateinamerika vergleichbar? Schließlich will das Seminar die Frage nach einer transkulturellen Begrifflichkeit erheben und sich mit den Problemen und Möglichkeiten des Zivilisationsvergleichs auseinandersetzen.

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Abgeschlossenes Grundstudium/Zwischenprüfung

Bibliography

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Geschichte / Lehramt Sekundarstufe II A3; B1; B2 Wahlpflicht HS
Geschichtswissenschaft (Hauptfach) / Magister Wahlpflicht HS
Geschichtswissenschaft (Nebenfach) / Magister Wahlpflicht HS

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