Seit der Neurologe Eugene d'Aquili (1986) als einer der ersten Phänomene mit Hilfe neurobiologischer Methodik untersuchte, die gemeinhin der Sphäre des Religiösen zugeschrieben werden, und damit die Entstehung von Mythos und Ritual letztlich auf hirnphysiologische Vorgänge zurückführte, reißt die Kette der Veröffentlichungen nicht ab, die kognitionswissenschaftliche, neurologische oder evolutionsbiologische Ansätze hinsichtlich der Frage nach Religionsentstehung bemühen.
Dabei wird Religion stets als defizitäre Wahrnehmung der Wirklichkeit, als Konstrukt und Ergebnis hirnphysiologischer Prozesse verstanden, die den Menschen entweder zwingen, Tieren menschliches Denken und Fühlen zuzuschreiben (Mithen 1996, Clottes & Lewis-Williams 1998, Dawkins 2007), aus gesichtsähnlichen Strukturen in den Wolken Götter (Guthrie 1993, Boyer 2004) oder aus mystischer Versenkung einen Mythos zu konstruieren (Newberg & d'Aquili 2003). Der Ursprung von Religion ist nach den oben genannten Theorien einmal im Formenkreis des Schamanismus, ein anderes Mal im Polytheismus oder gar in einer Religion zu suchen, die essentiell auf Meditationspraktiken - wie der heutige Buddhismus - fußt. Die vorgestellten Entwürfe haben nicht nur den Schönheitsfehler, sich bei jeweiligem universalem Anspruch gegenseitig auszuschließen - höchstens ein Entwurf kann richtig sein! Darüber hinaus zeigen sie eine eklatante Unkenntnis der notwendigen Gebundenheit der Religionstypen an die jeweilige soziale Organisation der fraglichen Gesellschaft (Bellah 1973; Dux 2000), und, was möglicherweise schwerer wiegt, vernachlässigen die historische Dimension von Religion (Ginzburg 1986). Menschliches Denken und Handeln - und damit auch religiöses Verhalten - sind zwar in gewissen Grenzen determiniert durch die biologischen Grundlagen des menschlichen Erkenntnisapparates, innerhalb dieser Grenzen aber intensiv kulturell geprägt und damit das Ergebnis einer Vielzahl von Einzelentscheidungen und Ereignissen im Laufe der menschlichen Geschichte; das wiederum ist eine Folge der menschlichen Adaptationsstrategie an ständig wechselnde Umweltbedingungen: Ererbte und damit starre Verhaltensprogramme wurden im Laufe der Evolution zunehmend durch solche ersetzt, die sich das Individuum in einem eigenen Adaptationsprozess sukzessive durch Lernen aneignen muss - und erlernt wird das gesammelte Wissen der konkreten Gemeinschaft, in der die Sozialisation des Individuums stattfindet.
Wenn es also darum geht, die Frage nach dem Ursprung und der frühen Entwicklung von Religion zu stellen, kann diese nicht auf neurobiologische Ansätze reduziert werden, sondern hat das gesamte Repertoire religionswissenschaftlicher Forschungen und Forschungsergebnisse mit einzubeziehen. Das heißt aber, dass die Entstehung von Religion nicht nur aus neurobiologischer und ergänzend auch aus verhaltens- und evolutionsbiologischer Warte zu erörtern ist, sondern dass sie gleichzeitig sowohl als Produkt geschichtlicher Ereignisse als auch als Funktionsträger innerhalb früher Gesellschaften gesehen werden muss.
Dabei hat jede Diskussion der Frage nach Entstehung von Religion und damit des Phänotypus dieser ersten Religion auf empirischen Grundlagen zu fußen. Diese empirischen Grundlagen liefern die Paläoanthropologie und die Archäologie, die das Material bereitstellen, mit dem sich die empirische Erforschung vorgeschichtlicher Religionen auseinandersetzen muss. Diesen Themenkreis wird die Vorlesung bearbeiten, um zu ersten Ergebnissen zu kommen.
Begleitende Literatur:
Auffermann, Bärbel/Orschiedt, Jörg 2002: Die Neandertaler. Eine Spurensuche. Stuttgart 2002.
Bellah, Robert N. 1973: Religiöse Evolution. In: C. Seyfarth/W. M. Sprondel (Hg.): Religion und gesellschaftliche Entwicklung, Frankfurt 1973, 267-302.
BÖHME, Hartmut 1997: Aby M. Warburg, in: A. Michaels (Hg.), Klassiker der Religionswissenschaft, München 1997, 133-156.
Boyer, Pascal 2004: Und Mensch schuf Gott,. Stuttgart 2004.
Cavalli-Sforza, Luigi Luca 1999: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. (Mailand 1996) Darmstadt 1999.
Clottes, Jean/Lewis-Williams, J. David 1997: Schamanen. Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit. Sigmaringen 1997.
D¿Aquili, Eugene 1986: Myth, Ritual, and the Archetypal Hypothesis. In: Zygon. Journal of Religion and Science Vol. 21, No. 2, June 1986, 141-160.
Dawkins, Richard 2007: Der Gotteswahn. Berlin 2007.
Dondelinger, Patrick 2003: Die Visionen der Bernadette Soubirous und der Beginn der Wunderheilungen in Lourdes. Regensburg, 2003.
Dux, Günter 2000: Historisch-genetische Theorie der Kultur. Weilerswist 2000.
Eibl-Eibesfeldt, Irenäus/ Sütterlin, Christa 1992: Im Banne der Angst. Zur Natur- und Kunstgeschichte menschlicher Abwehrsymbolik. München, Zürich 1992.
Evans-Pritchard, Edward Evan 1956: Nuer Religion. New York / Oxford 1956.
Gimbutas, Marija 1995: Die Sprache der Göttin. Frankfurt 1995.
Ginzburg, Carlo 1986: Miti, emblemi, spie: Morfologia e storia. Turin 1986.
Grünschloß, Andreas 2003: When we enter into my Father's spacecraft. Cargoistic hopes and millenarian cosmologies in new religious UFO movements, in: J. R. Lewis (ed.): Encyclopedic Sourcebook of UFO Religions, 2003,17-42
Guthrie, Stewart Elliot 1993: Faces in the clouds: a new theory of Religion. New York 1993.
Jensen, Adolf E. 1948: Das religiöse Weltbild einer frühen Kultur. Stuttgart 1948.
Klotz, Heinrich, Die Entdeckung von Catal Höyük. Der archäologische Jahrhundertfund, München 1997.
König, Otto 1970: Kultur und Verhaltensforschung: Einführung in die Kulturethologie. München 1970.
Mauss, Marcel (1997): Gabentausch. In: ders., Soziologie und Anthropologie 2, Frankfurt a. Main 1997, 11-144.
Mbiti, John 1974: Afrikanische Religion und Weltanschauung. Berlin, New York 1974.
Mithen, Steven 1996: The Prehistory of the Mind. The Cognitive Origins of Art and Science. London 1996
Müller-Beck, Hansjürgen/Albrecht, Gerd (Hg) 1987: Die Anfänge der Kunst vor 30000 Jahren. Stuttgart 1987.
Newberg, Andrew/ d¿Aquili, Eugene/Rause, Vince 2003: Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht. München und Zürich 2003.
Özdo*an 1999a, 35 - 63. Esin 1999, 126.
Ramachandran, Vilayanur S. 1998: Phantoms in the brain : human nature and the architecture of the mind. London 1998.
Turner, Victor Witter (1957) 1996: Schism and Continuity in an African Society. A Study of Ndembu Village Life. Oxford 1996.
Warburg, Aby 1938: Schlangenritual. Ein Reisebericht. Berlin 1996 (1988) (Erste Veröffentlichung unter dem Titel: A Serpent Ritual, in: Journal of the Warburg Institute, II, 1938-39, 222-292.)
Wunn, Ina 2002: Die Evolution der Religionen. Habilitationsschrift, Hannover 2002. Elektronische Veröffentl. UB/TIB Hannover.
Wunn, Ina 2003: The Evolution of Religions. In: Numen 50 (2003), 388¿415.
Wunn, Ina 2005: Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit. Stuttgart 2005.
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