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220038 Geschichte von Armut in der Vormoderne unter dem Aspekt sozialer Ungleichheit (GSH+GST) (SoSe 2016)

Inhalt, Kommentar

In dem Seminar steht nicht die vielseitige Geschichte der Armut in der Vormoderne im Zentrum des Interesses, sondern der Blick richtet sich auf Vorgänge der Verarmung von Gruppierungen als Ergebnis von sozialen Strukturproblemen, Integrationsdefiziten und gesellschaftlichen Umbrüchen. Infolge solcher strukturellen Umbrüche wurde einer wachsenden Zahl von Vertretern bestimmter Gruppierungen der Zugang zu Gütern, Ressourcen, Rechten und Positionen dauerhaft eingeschränkt oder sogar gänzlich verschlossen, so dass sich mitunter auch ihre Lebenschancen verringerten; solche Vorgänge struktureller bzw. dauerhafter Verarmung gehören nach Ralf Dahrendorf zu den zentralen Themen der Soziologie seit ihrem Bestehen und sind in dem Begriff 'soziale Ungleichheit' gebündelt worden. Zwar ist dieser Begriff zunächst für die kritische Analyse der im 19. Jh. entstehenden Industriegesellschaften verwendet worden und er erfährt in Anbetracht weltweit wachsender Armut gegenwärtig - mit einem selbst in Deutschland bis zu 20 % von Armut bedrohtem Bevölkerungssegment - wieder eine Konjunktur in mehreren Sozialwissenschaften; er gehörte von Anfang an auch zum Begriffsinstrumentarium der sich gesellschaftskritisch und emanzipatorisch verstehenden Historischen Sozialwissenschaft (vgl. H.-U. Wehler, Einleitung, in: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, München 1987, Bd. 1, Einleitung, S. 17-19; H.-U. Wehler, Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013). Seit geraumer Zeit findet er in der Geschichtswissenschaft jedoch kaum noch Verwendung. Stattdessen erfreuen sich die beiden Begriffe 'Inklusion' und 'Exklusion' wachsender Beliebtheit, mit denen gesellschaftliche Integrationsprobleme und Ausschließungspraktiken auch in der Vormoderne untersucht werden. Allerdings finden Phänomene von Massenarmut in der Vormoderne – also ein eklatanter Fall von Exklusion – in dieser neuen Forschungsperspektive erstaunlich wenig Beachtung. Bei der Interpretation dieses gesellschaftlichen Phänomens - das mindestens 20, phasenweise sogar bis zu 70 % der Bevölkerung betraf - nahm die ältere Sozial- und Wirtschaftsgeschichte den Begriff 'Pauperismus' in Anspruch wie beispielsweise der Nationalökonom und Agrarhistoriker Wilhelm Abel in seinen einschlägigen Überblicken in den frühen 1970er Jahren.

Das Seminar rückt das empirisch und theoretisch reichlich heterogen organisierte Forschungsfeld struktureller Armut in der Vormoderne in den Fokus der Betrachtung und thematisiert es mit Hilfe von Konzepten und Fragestellungen sozialer Ungleichheit, Pauperismus, sozialer Kontrolle und / oder sozialer Disziplinierung, Inklusion und Exklusion etc. Besondere Aufmerksamkeit erfahren Phasen gesellschaftlicher Krisen und sozialen Wandels zwischen Hochmittelalter und Früher Neuzeit, wobei sowohl die von struktureller Armut besonders betroffenen Gruppierungen als auch die jeweiligen Reaktionen von Seiten der Gesellschaft, der Kirche (Bischöfe, Klöster, Konfessionskirchen) und weltlichen Herrschaftsträgern (Städte, Hochadel, Landesherren) in den Blick rücken. Zum Hintergrundverständnis solcher gesellschaftlichen Umbrüche gehört etwa der semantische Wandel des Begriffs 'Armut', worüber insbesondere der Mediävist Otto Gerhard Oexle wesentliche Studien vorgelegt hat, so zuletzt in dem Katalog zur Ausstellung 'Caritas' im Diözesammuseum Paderborn 2015, in dem überdies zentrale Themen und Befunde dieses Forschungsfeldes aufgenommen worden sind.

Literaturangaben

Wilhelm Abel, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland, Göttingen 1972; Wilhelm Abel, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa. Versuch einer Synopsis, Hamburg / Berlin 1974; Christoph Sachße / Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 1, Vom Spätmittelalter bis zum Ersten weltkrieg, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1980; Robert Jütte, Obrigkeitliche Armenfürsorge in deutschen Reichsstädten in der frühen Neuzeit, Köln 1984; Christoph Sachße / Florian Tennstedt (Hrsg.), Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik, Frankfurt / Main 1986; Friedrich-Arnold Lasotta, Formen der Armut im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. Untersuchungen vornehmlich an Kölner Quellen des 14. bis 17. Jahrhunderts, 2 Bde., Köln 1993; Valentin Groebner, Ökonomie ohne Haus. Zum Wirtschaften armer Leute in Nürnberg am Ende des 15. Jahrhunderts, Göttingen 1993; Wolfgang v. Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, München 1995; Otto Gerhard Oechsle (Hrsg.), Armut im Mittelalter, Ostfildern 2004; Sebastian Schmidt / Jörn Apelsmeier (Hrsg.), Norm und Praxis der Armenfürsorge im Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Stuttgart 2006; Rudolf Stichweh, Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie, Bielefeld 2005; Thomas Schwinn, Soziale Ungleichheit, Bielefeld 2007; Andreas Gestrich / Lutz Raphael (Hrsg.), Inklusion / Exklusion. Studien zur Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt / Main, zweite Auflage 2008; Konrad Krimm / Dorothee Mussgnug / Theodor Strohm (Hrsg.), Armut und Fürsorge in der Frühen Neuzeit, Ostfildern 2011; Günther Schulz (Hrsg.), Arm und Reich. Zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheit in der Geschiche, Stuttgart 2015; Christoph Stiegemann (Hrsg.), Caritas. Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart, Paderborn 2015.

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