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Von polygamen Weibchen und alleinerziehenden Männchen

Veröffentlicht am 21. Juni 2017, 13:17 Uhr

Verhaltensforschende der Universität Bielefeld untersuchen Regenpfeifer

Regenpfeifer-Männchen setzen sich in der Wildnis erfolgreicher durch als die Weibchen: Verhaltensforschende der Universität Bielefeld haben untersucht, wie sich über die Lebensspanne des Regenpfeifers das Geschlechterverhältnis entwickelt. Welche Folgen der Männerüberschuss für die Aufzucht der Küken hat, stellen sie im Forschungsjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ vor.

Der Verhaltensforscher Luke Eberhart-Phillips – hier auf Madagaskar – untersucht seit vier Jahren an Stränden in aller Welt, wie sich Regenpfeifer in ihren Kolonien entwickeln. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Der Verhaltensforscher Luke Eberhart-Phillips – hier auf Madagaskar – untersucht seit vier Jahren an Stränden in aller Welt, wie sich Regenpfeifer in ihren Kolonien entwickeln. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Der Biologe Luke Eberhart-Phillips vom Lehrstuhl für Verhaltensforschung der Universität Bielefeld befasst sich seit vier Jahren mit der Erforschung von Geschlechterverhältnissen bei Vögeln und untersucht zum Beispiel Vogelkolonien auf Madagaskar. Der Doktorand forscht an der Universität Bielefeld und dem Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen (Bayern). Für die aktuelle Studie untersuchte er Schneeregenpfeifer (Charadrius nivosus) in Bahía de Ceuta an der Nordwestküste von Mexiko. „Unser Ziel war es, die Überlebensrate und das Brutverhalten der Regenpfeifer in diesem Gebiet zu analysieren“, sagt Eberhart-Phillips.

„Das Geschlechterverhältnis spielt eine wichtige Rolle für das Fortpflanzungssystem und die Wachstumsrate einer Population und dabei, ob Weibchen oder Männchen sich um die Nestlinge kümmern“, sagt Professor Dr. Oliver Krüger, Leiter des Lehrstuhls für Verhaltensforschung. „Wenn das Verhältnis unausgewogen ist und es zum Beispiel mehr Weibchen gibt, ist es für diese schwerer, einen Partner zu finden. Die Population kann dadurch massiv abnehmen“, so der Biologe.

„Wir haben uns gefragt, in welcher Phase im Leben der Vögel sich das Geschlechterverhältnis ändert“, sagt Eberhart-Phillips, Hauptautor der neuen Studie. „Sterben besonders viele Weibchen oder Männchen schon kurz nach dem Schlüpfen? Oder sind die Kindheit oder das Erwachsenenalter entscheidend und kritisch für eines der Geschlechter?“

Für die neue Studie arbeiteten die Bielefelder Forscher mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Großbritannien, Mexiko und den USA zusammen. Gemeinsam mit ihnen kennzeichnete Luke Eberhart-Phillips 1.259 wildlebende Regenpfeifer mit unverwechselbaren farbigen Fußringen. So war bei der Beobachtung der Vogel mit Ferngläsern und Teleskopen immer klar, welcher Vogel im Sichtfeld war. Männchen und Weibchen des Schneeregenpfeifers sind einander sehr ähnlich und können nur in der Brutzeit unterschieden werden. Deswegen nahmen die Forschenden Blutproben, um das Geschlecht genetisch festzustellen.

Die Studie zeigt, dass die Weibchen einer Regenpfeifer-Population in Mexiko mit Polygamie auf den dortigen Überschuss an Männchen reagieren. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Die Studie zeigt, dass die Weibchen einer Regenpfeifer-Population in Mexiko mit Polygamie auf den dortigen Überschuss an Männchen reagieren. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Ein zentrales Ergebnis der Studie: „Die männlichen Regenpfeifer der untersuchten Population haben in allen Phasen des Lebens eine höhere Chance zu überleben als die Weibchen. Das Ergebnis ist ein Geschlechteranteil von nur 37 Prozent Weibchen unter den erwachsenen Regenpfeifern“, sagt Eberhart-Phillips. Vor allem im Jugendalter der Vögel (Zeit vor dem ersten Gefiederwechsel) haben die Weibchen eine um ein Drittel geringere Überlebensrate. Die Wissenschaftler vermuten als Grund, dass Männchen mit einem höheren Gewicht schlüpfen und eine erhöhte Wachstumsrate aufweisen, was ihnen einen Vorteil gegenüber Weibchen verschaffen könnte.

„Die Studie bestätigt die langjährige Theorie zur gleichmäßigen Verteilung der Geschlechter bei Geburt“, sagt Oliver Krüger. „Mütter bringen die gleiche Anzahl an Weibchen und Männchen zur Welt, weil das die beste evolutionäre Strategie ist, auch wenn das Geschlechterverhältnis im Erwachsenenalter kippt.“

Für die aktuelle Studie klipsten die Wissenschaftler farbige Ringe an die Beine von mehr als 1000 Regenpfeifern. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Für die aktuelle Studie klipsten die Wissenschaftler farbige Ringe an die Beine von mehr als 1000 Regenpfeifern. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Durch den Männerüberschuss bei den Regenpfeifern hatten es die Weibchen leichter, einen Partner zu finden als die Männchen. „Dadurch haben die Weibchen die Möglichkeit, häufig den Partner zu wechseln. Sie leben also polygam und trennen sich von ihrem Partner, sobald der Nachwuchs geschlüpft ist.“ In der Folge werden die Männchen zu „Alleinaufziehenden“. „Sie kümmern sich um die Jungvögel, statt nach einem neuen Weibchen zu suchen“, berichtet Luke Eberhart-Phillips. Paarungsverhalten unter Vögeln ist laut dem Biologen demnach abhängig von der Überlebensquote des jeweiligen Geschlechts.

Die Erkenntnisse könnten eine wichtige Rolle für den Artenschutz spielen. „Naturschützer gehen gewöhnlich davon aus, dass die Geschlechter gleiche Überlebenschancen haben. Unsere Ergebnisse stellen das in Frage“, sagt Krüger. „Unsere Studie zeigt, dass gefährdete Populationen, wenn sie ein polygames Paarungsverhalten aufweisen, noch viel schneller abnehmen können als gedacht.“

Originalveröffentlichung:
Luke J. Eberhart-Phillips, Clemens Küpper, Tom E. X. Miller, Medardo Cruz-López, Kathryn H. Maher, Natalie dos Remedios, Martin A. Stoffel, Joseph I. Hoffman, Oliver Krüger, and Tamás Székely: Sex-specific early survival drives adult sex ratio bias in snowy plovers and impacts mating system and population growth. Proceedings of the National Academy of Sciences. http://doi.org/10.1073/pnas.1620043114, erschienen am 20. Juni 2017.

Weitere Informationen:
•    Lehrstuhl für Verhaltensforschung: http://www.uni-bielefeld.de/biologie/animalbehaviour/home.html

Die Forschenden beobachteten die Vögel mit Fernrohren und Teleskopen und bauten sich fahrbare Verschläge, um für die Vögel unsichtbar zu bleiben. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
Die Forschenden beobachteten die Vögel mit Fernrohren und Teleskopen und bauten sich fahrbare Verschläge, um für die Vögel unsichtbar zu bleiben. Foto: Universität Bielefeld/ L. Eberhart-Phillips
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