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Trügerische Erinnerungen – Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert

Veröffentlicht am 13. Februar 2018, 16:12 Uhr
Studie der Universität Bielefeld und der Stiftung EVZ untersucht Status quo der deutschen Erinnerungskultur

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist nach wie vor sehr von Familiengeschichten geprägt. In den Narrativen ist die Anzahl der Täter genauso groß wie die Anzahl der Helfer, so das Ergebnis einer repräsentativen Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. Die Studie mit dem Titel „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ wurde von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) gefördert.


Familiennarrative: Ähnlich viele Täter- wie Helfer-Geschichten

In ihren Telefoninterviews fragten die Forschenden über 1.000 Personen nach deren Meinung über Täter, Opfer und Helfer während des Zweiten Weltkriegs. Nur 17,6 Prozent der Befragten bejahen, dass unter ihren Vorfahren Täter des Zweiten Weltkriegs waren. Ungefähr ebenso viele Personen (18 Prozent) geben an, ihre Vorfahren hätten in dieser Zeit potentiellen Opfern geholfen. Etwas mehr als die Hälfte der Interviewten (54,4 Prozent) berichtet schließlich, unter den Verwandten Opfer des Zweiten Weltkriegs zu haben.

Prof. Dr. Andreas Zick. Foto: Universität Bielefeld
Prof. Dr. Andreas Zick. Foto: Universität Bielefeld
„Es hat uns vor allem interessiert, was, warum und wie Menschen in Deutschland Geschichte erinnern. Ein besonderer Blick war auf die Erinnerung an den Holocaust gerichtet, denn angesichts von Antisemitismus und Versuchen, Themen wie die Kriegsschuld für Propagandazwecke zu missbrauchen, steht Erinnerungskultur infrage“, so Professor Dr. Andreas Zick, Direktor des IKG und Leiter der Studie.

Großes Interesse an deutscher Geschichte
Weit über die Hälfte der Befragten interessiert sich für die deutsche Geschichte eher stark (32,5 Prozent) oder sogar sehr stark (27,7 Prozent). Auch, dass Schüler Geschichtsunterricht haben, ist einer deutlichen Mehrheit sehr wichtig (79,2 Prozent). Die Interviewten nennen als zwei der wichtigsten Gründe für Geschichtsunterricht, zu lernen, welchen Schaden Rassismus anrichten kann (sehr wichtig: 78,9 Prozent) und zu verhindern, dass der Nationalsozialismus zurückkommt (sehr wichtig: 84,3 Prozent). Die Befürchtung, dass sich etwas wie der Holocaust wiederholen könnte, ist unter den Befragten vorhanden. Knapp die Hälfte teilt diese Sorge eher (25,6 Prozent) oder sogar stark (21,6 Prozent).

Behaupteter „Schuldkult“ empirisch nicht haltbar
„Wenn jetzt aber von einem ‚Schuldkult‘, der in Deutschland betrieben werde, die Rede ist, entspricht das überhaupt nicht der Meinung in der Bevölkerung“, erläutert Zick. „Die Befragten erinnern viel differenzierter.“ Der Anteil der Personen, die sich schuldig für den Holocaust fühlen, ist gering: Der Aussage „Auch wenn ich selbst nichts Schlimmes getan habe, fühle ich mich schuldig für den Holocaust“ stimmt lediglich etwa jeder zehnte Befragte zu (stimme eher zu: 5,9 Prozent; stimme stark zu: 4,5 Prozent).

Besuch historischer Orte prägt am stärksten

Über den Nationalsozialismus erfahren fast alle Interviewten in der Schule (98,4 Prozent). Das Internet spielt als Informationsquelle bei jüngeren Befragten eine immer wichtigere Rolle: 94,3 Prozent der unter 30-Jährigen setzen sich dort mit dem Thema auseinander. Diese Informationsquelle wird aber gleichzeitig als wenig prägend erlebt. Ein Großteil der befragten Personen gibt schließlich an, Orte des Erinnerns wie Gedenkstätten oder Mahnmale aufzusuchen. Dabei hinterlässt der Besuch von Stätten, die an die Vernichtung von Menschen durch den Nationalsozialismus erinnern, nach Meinung der Befragten den stärksten bleibenden Eindruck.

Dr. Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ: „,MEMO Deutschland‘ bietet uns als Bestandsaufnahme die Möglichkeit, Narrative und Bedarfe unterschiedlicher Personengruppen festzustellen, um auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu reagieren. Ziel der Stiftung EVZ ist es, eine lebendige Erinnerungskultur mit innovativen Formen und frischen Ansätzen zu schaffen. Wir sind auf dem Weg zur Gedenkstätte 4.0.“

Weitere Informationen:
Auszüge der Studie: www.stiftung-evz.de/fileadmin/user_upload/EVZ_Uploads/Pressemitteilungen/MEMO_PK_final_13.2.pdf

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