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Studie zeigt: Journalisten sind Hass ausgesetzt

Veröffentlicht am 1. März 2017, 11:30 Uhr

Umfrage von Forschern aus Bielefeld und Berlin

Das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld hat gemeinsam mit dem Mediendienst Integration Ergebnisse einer Befragung von 780 Journalisten zu ihren Erfahrungen mit hasserfüllten Angriffen wie „Hate Speech“ und körperlichen Attacken vorgestellt. Sie zeigt: Verbale und körperliche Angriffe gehören mittlerweile für viele Journalistinnen und Journalisten zum Berufsalltag. Psychische Belastungen und Einschränkungen der journalistischen Arbeit sind die Folgen. In jeder zweiten Redaktion findet jedoch keine systematische Auseinandersetzung mit den Angriffen statt. Viele Journalisten fordern deshalb mehr Unterstützungsmaßnahmen.

Das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld hat auf Initiative des Mediendienstes Integration eine Online-Befragung unter 783 Journalistinnen und Journalisten aus zwei Verbänden durchgeführt. Das Ergebnis der Studie „Hass im Arbeitsalltag Medienschaffender“ – kurz HArM – ist eindeutig: Die Mehrheit der befragten Journalisten nimmt einen Anstieg hasserfüllter Reaktionen gegen sich und Kollegen wahr. Das belastet die Arbeit in erheblichem Ausmaß. „Im Zentrum unserer Studie steht die Frage, wie solche Angriffe den Journalismus beeinflussen können und nicht so sehr, ob es diese Angriffe gibt. Viele Journalisten beschreiben die Ausübung ihres Berufs mittlerweile als Mutprobe“, meint Frederik Tetzlaff von der Universität Bielefeld und Mitarbeiter im Forschungsteam.

Zwei Drittel der befragten Journalisten sind der Meinung, dass hasserfüllte Reaktionen in den vergangenen 12 Monaten allgemein deutlich zugenommen haben. 42 Prozent waren 2016 selbst von Angriffen betroffen, 26 Prozent berichten sogar von mehrmaligen bis regelmäßigen Angriffen. Ein Viertel ist überzeugt, solche Vorfälle seien Teil des journalistischen Alltags. Vor allem jüngere Journalistinnen und Journalisten nehmen einen Anstieg von Anfeindungen wahr. Sie scheinen besonders sensibel für das Thema zu sein.

Unter den Betroffenen machen drei Viertel ausschließlich ihre Rolle als Journalistin oder Journalist für die Angriffe verantwortlich. Die restlichen 25 Prozent führen die Angriffe vor allem auf Unzufriedenheit mit den Inhalten (77 Prozent) und der Darstellung von Sachverhalten (64 Prozent) oder die Ablehnung von Personengruppen (47 Prozent) zurück, über die berichtet wurde. Sehr viel seltener nehmen die Befragten an, die eigene nationale Herkunft (5 Prozent) oder Religion beziehungsweise Weltanschauung (14 Prozent) seien für die erlebten Angriffe ausschlaggebend gewesen. Auch sind Männer, jüngere Befragte oder Journalisten mit Migrationshintergrund nicht häufiger betroffen als Frauen, ältere Befragte oder Journalisten ohne Migrationshintergrund.

„Die Journalisten werden angegriffen, weil sie Journalisten sind. Der Hass richtet sich gegen den Berufsstand“, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Andreas Zick. Und er fügt hinzu: „Themen wie Flüchtlinge, Islam und Migration erzeugen besonders viel Hate Speech und andere hasserfüllte Botschaften. Journalisten sollen berichten, was die Angreifer wollen oder schweigen.“ Fast die Hälfte der Zeitungs- und Fernsehjournalisten (48 Prozent und 45 Prozent) erlebten 2016 bereits Angriffe. Bis zu ein Drittel berichtet von mehrmaligen bis regelmäßigen Angriffen. Unter den Journalisten, die in Ressorts wie Politik, Lokales/Regionales oder auch Wirtschaft beschäftigt sind, ist fast jeder Zweite bereits angegriffen worden.

Am häufigsten wurden die Journalistinnen und Journalisten in direkten Situationen wie Demonstrationen, Interviews oder Veranstaltungen angegriffen. „Insbesondere belasten mich die körperlichen Angriffe bei öffentlichen Veranstaltungen und Demonstrationen! Diese Ereignisse verfolgen mich gelegentlich auch im Schlaf. Die Folgen sind Angstzustände und ein Gefühl der Ohnmacht“, so ein Journalist. Rund jeden fünften Betroffenen erreichten die Angriffe über soziale Netzwerke oder die Kommentarfunktion unter Beiträgen. Sehr viel seltener werden Journalisten per Anruf oder Leserbrief angegriffen.

Jeder Zweite fühlt sich von den Angriffen des Publikums belastet. Dabei ist es kaum von Bedeutung, ob Journalisten selbst Angriffe erleben (53 Prozent) oder von Angriffen auf Kollegen erfahren haben (48 Prozent). Mehr als die Hälfte der betroffenen Journalisten berichtet von psychischen Belastungen. Unter jenen, die keinen Angriff erlebten, ist es immer noch ein Drittel. „Offensichtlich bleibt der Hass nicht in den Redaktionen, sondern wird mit nach Hause genommen“, meint Madlen Preuß, Co-Leiterin der Studie. Die negativen Auswirkungen auf das Privatleben liegen bei Journalisten mit Angriffserlebnissen doppelt so hoch (31 Prozent) wie unter Nicht-Betroffenen (14 Prozent).

Ein Viertel der Journalisten, die Angriffen ausgesetzt waren, nehmen eine klare Beeinträchtigung in ihrer journalistischen Arbeit war. Unter den Nicht-Betroffenen sind es nur 10 Prozent. „Fast jeder zweite Befragte, der bereits angegriffen wurde, äußerte Angst und Unsicherheit, dem Beruf nicht mehr so nachgehen zu können wie zuvor“, berichtet Madlen Preuß.

Mehr als 80 Prozent der Journalistinnen und Journalisten befürworten nicht nur die öffentliche Thematisierung von und Aufklärungskampagnen gegen Hate Speech, sondern auch die strafrechtliche Verfolgung. Allerdings findet es auch fast jeder Fünfte nicht gut, wenn Kollegen in der Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen sprechen.

Über die Hälfte der Befragten berichtet, es gebe in ihrer Redaktion keine Auseinandersetzung oder Hilfestellung zum Umgang mit Hate Speech und körperlichen Angriffen. Einige Redaktionen organisieren regelmäßigen Austausch (37 Prozent), einen juristischen Beistand (23 Prozent) oder Schulungsangebote (9 Prozent). Rückhalt finden Journalisten vor allem im eigenen Kollegium (66 Prozent).

„Journalisten müssen frei und ohne Angst ihrer Arbeit nachgehen können. Dafür erwarten sie Unterstützung. Die Studie liefert wichtige Anhaltspunkte für die Frage, wo man ansetzen kann“, so Mehmet Ata vom Mediendienst Integration.

Die Untersuchung ist eine wissenschaftliche Umfragestudie des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG). Sie basiert auf einer anonymen Online-Befragung von November bis Dezember 2016. Es wurden 783 Mitglieder des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) befragt. Die Studie wurde von der Freudenberg Stiftung gefördert.

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