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Die heimliche Bedeutung der Verwandtschaft in der Politik

Veröffentlicht am 27. Februar 2018, 09:48 Uhr
Internationale Tagung am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)

Verwandtschaftsbeziehungen haben in der Politik nichts verloren. Modernisierung und Bürokratisierung haben sie in die private Sphäre verbannt: Zehn Monate lang hat die internationale Forschungsgruppe „Verwandtschaft und Politik“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld dieser These auf den Zahn gefühlt. Auf ihrer Abschlusstagung „The Politics of Making Kinship. Historical and Anthropological Perspectives” (“Politik und Verwandtschaft. Historische und Anthropologische Perspektiven“) am 1. und 2. März im ZiF diskutieren die Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse.


Die Leiterinnen und Leiter der Tagung: Tatjana Thelen, David Warren Sabean, Simon Teuscher, Erdmute (v. l.): Foto: Alexandra Polina
Die Leiterinnen und Leiter der Tagung: Tatjana Thelen, David Warren Sabean, Simon Teuscher und Erdmute Alber (v. l.): Foto: Alexandra Polina
Auch wenn sie die Strategie Donald Trumps, Tochter und Schwiegersohn ins Weiße Haus zu holen, nicht als repräsentativ für den modernen Westen betrachten wollen: „Die Sozial- und Geschichtswissenschaften haben sich zu stark auf die Annahme verlassen, dass Verwandtschaft im Zuge der Modernisierung ‚sowieso‘ aus der Politik verschwindet oder doch wenigstens an ihre schmutzigen Ränder zurückgedrängt werden wird“, so die Leiter der Forschungsgruppe, die Ethnologinnen Professorin Dr. Erdmute Alber (Universität Bayreuth) und Professorin Dr. Tatjana Thelen (Universität Wien, Österreich) und die Historiker David Warren Sabean (University of California, Los Angeles, USA) und Professor Dr. Simon Teuscher (Universität Zürich, Schweiz).

Der genauere Blick in die Geschichte, Entstehung des modernen Staates und aktuelle Globalisierungsprozesse habe den Forscherinnen und Forschern gezeigt: „In manchen Gesellschaften ist die Bedeutung von Verwandtschaft bis heute unbestritten, in anderen ist sie ebenso vorhanden, wird aber nicht thematisiert.“ Dieses Stillschweigen dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in den sogenannten modernen westlichen Gesellschaften systematische Verbindungen zwischen Verwandtschaftsordnungen und politischer Macht gibt. „Ein Beispiel ist die sehr große und tendenziell auch noch zunehmende Bedeutung des Erbens für die soziale Ungleichheit“, sagen die Forschungsgruppenleiter.

Anzeichen dafür, dass gerade in der Moderne die Durchsetzung politischer Ordnungen und die Formung von Verwandtschaft und Familie besonders eng aufeinander bezogen werden, sehen sie auch in den Auseinandersetzungen über Reproduktionsmedizin, Elternrechte für Homosexuelle und die Entgeltung von Haushaltstätigkeiten.

„Es ist sehr wichtig, die Verschränkungen von Verwandtschaft und Politik überhaupt erst einmal zum Gegenstand ergebnisoffener Untersuchungen zu machen, da haben wir in den vergangenen Monaten Pionierarbeit geleistet“, so die Forscherinnen und Forscher. Auf der Abschlusstagung der Forschungsgruppe werden die ZiF-Fellows ihre Arbeit mit internationalen Expertinnen und Experten diskutieren: Wie wird Verwandtschaft in der aktuellen politischen Theorie, in der Ethnologie und der Geschichtswissenschaft gefasst und wie sollte sie gefasst werden? Wie hat sich das Verhältnis von Verwandtschaft und Politik in der Geschichte verändert? Und was bedeutet das Verständnis von Verwandtschaft für die Praxis, etwa für die Rechte von Vätern oder den Umgang mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin?

Die Forschungsgruppenleiter stehen am Donnerstag, 1. März, um 14 Uhr für Fragen von Journalistinnen und Journalisten zur Verfügung. Im Vorfeld beantwortet Dr. des. Jennifer Rasell, die Koordinatorin der Forschungsgruppe, Fragen.

Die Tagung findet in englischer Sprache statt.

Weitere Informationen:
www.uni-bielefeld.de/ZiF/FG/2016Kinship/Events/03-01-Alber.html

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