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Obergrenze oder soziale Gerechtigkeit?

Veröffentlicht am 11. Mai 2017, 20:56 Uhr
Von Thomas Faist

Die Diskussion um die Belastung durch Migration hat nun nach den Geflüchteten auch die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erreicht: Nach einer Äußerung der Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ist ein Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund mit über einem Drittel in einer Klasse den Leistungen abträglich. Laut der Evaluationsstudie PISA liegen die Ergebnisse dann unter dem Durchschnitt. Begierig wurde diese anregende Äußerung von Politikern und Bildungsexperten aufgenommen. So führte die rheinland-pfälzische CDU-Politikerin Julia Klöckner den Begriff „Obergrenze“ nun auch in diesem Zusammenhang ein. Ebenfalls unterstrich der Vorsitzende des deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, dass zu hohe Anteile von Kindern mit Migrationshintergrund deren Integration behindere.

Man kann nun relativ schnell diesen Vorschlag einer Obergrenze als unhaltbar und unsinnig entlarven. In deutschen Großstädten liegen die Anteile der Kinder mit Migrationshintergrund in der Regel bei weit über der Hälfte. Wie sollten unter diesen Bedingungen derartige Quoten eingehalten werden? Auch daran anschließende Ideen wie die bessere Durchmischung von Klassen durch Bustransport von Migrantenkindern in andere Schulen haben bisher in keinem anderen Land der Welt funktioniert. Ein „bussing“ von Kindern mit Migrationshintergrund in weit entfernte Schulen würde unter anderem dazu führen, dass Mittelschichtseltern ihre Kinder aus diesen in wieder andere Schulen transferieren.

Erhellend ist demgegenüber, was in der Diskussion bisher nicht thematisiert wird. Die PISA Studie stellt zwar fest, dass ein Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund mit über einem Drittel in einer Klasse die erbrachten Leistungen schmälert. Zentral ist aber dabei der Hinweis auf die Bedeutung sozialer Herkunft bzw. sozialer Klasse: Kontrolliert man die Daten entlang dem Klassenhintergrund der Schüler, dann verschwindet das Merkmal Migrationshintergrund zwar nicht ganz, wird aber minimiert. Anders gesagt, der negative Einfluss auf die gemessenen schulischen Leistungen ist primär ein Effekt der sozialen Klasse und nicht des Migrationshintergrunds. Das ist eine alte Erkenntnis, die auch im Hinblick auf Sprachkenntnis von Schülern bekannt ist. Schon bei den Sprachstandserhebungen Anfang der 2000er Jahre in Kindergärten und Grundschulen stellte sich heraus, dass nicht nur Schüler mit Migrationshintergrund, sondern auch Schüler ohne Migrationshintergrund zum Teil erhebliche Defizite bei Deutschkenntnissen aufwiesen.

Daraus folgt, dass die Diskussion um den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in deutschen Klassenzimmern eine Scheindebatte ist. Sie lenkt von sozialen Ungerechtigkeiten im Bildungssystem ab, die auch unabhängig von Migration bestehen, gleichwohl aber durch Migration deutlicher hervortreten. Das ist eine immer wiederkehrende migrationssoziologische Einsicht, die auf fast alle derartigen politischen Vorstöße der letzten Jahre zutrifft. Man denke nur zuletzt an die Diskussion um Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016. Angeblich verursachten die Geflüchteten eine Wohnungsnot. Schnell wurde jedoch deutlich, dass der rapide Rückgang am Bau von Sozialwohnungen dafür verantwortlich war.

Der Vorstoß von Politikern wie Julia Klöckner zielt unterschwellig auf die Wahrnehmung von Migrantenkindern als Bedrohung durch Mittel- und Oberschichtseltern. Diese versuchen in der Regel die Vorteile ihrer Kinder auf spätere Chancen im Beruf durch das Bildungssystem zu wahren. Das Schielen auf die Wählerstimmen dieser Klientel ist auch ein Grund dafür, warum Politiker komplexe Fragen danach, durch welche Maßnahmen tief liegende Ungerechtigkeiten im Bildungswesen adressiert werden können, nicht gebührend aufnehmen und umsetzen.

Ein im Gegensatz zur gegenwärtigen Debatte konstruktiver Ansatz ist hingegen der Sozialindex in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen. Dieser soll eine bedarfsgerechte Stellenzuweisung von Lehrern, Schulsozialarbeitern und auch zusätzlichen Mitteln zur bedarfsgerechten Versorgung bewirken. Um erfolgreich die Inklusion aller Schüler zu fördern, bedarf es sicherlich noch weiterer Maßnahmen. So muss beispielsweise sichergestellt werden, dass in der Schule im Ganztagsmodus auch künstlerische und sportliche Angebote gemacht werden. Damit können viele Kinder über das engere curriculare Wissen hinaus auch weitere Fertigkeiten erwerben, die sowohl für das Berufsleben als auch für ihre volle Teilhabe in unserer Gesellschaft wichtig sind. Sinngemäß gilt dies auch für Schüler ohne Migrationshintergrund. Auch hier müssen die Angebote in den Schulen verstärkt und Maßnahmen wie öffentlich geförderte Bildungs- und Freizeitpakete entbürokratisiert und in die schulischen Maßnahmen eingebunden werden.

Kurzum, die Eckpunkte für eine gerechtere Bildungspolitik sind hinreichend bekannt. Es gilt nun, die gerade in die Diskussion eingeführten destruktiven politischen Vorstöße abzuwehren. Denn diese nutzen im Grunde den Begriff Obergrenze, um ein Problem sozialer Gerechtigkeit kulturell aufzuladen. Demgegenüber gilt es konstruktive Mittel ins Feld zu führen, um mit Vielfalt in der Schule im Hinblick auf soziale Schichtung und kulturelle Differenz umzugehen. Die grundlegende Frage ist nicht, wie viele Kinder mit Migrationshintergrund eine Klasse verträgt, sondern wie kulturelle Vielfalt mit sozialer Gerechtigkeit verbunden werden kann.

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