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Verzerrte Perspektiven auf die NS-Zeit trotz Sorgen um Geschichtsrevisionismus (Nr. 26/2020)

Veröffentlicht am 7. Mai 2020, 12:36 Uhr

Neue Studie des IKG zur Erinnerungskultur in Deutschland

In der deutschen Gesellschaft finden sich teils deutlich verzerrte Perspektiven auf die Zeit des Nationalsozialismus, so lautet ein wesentliches Ergebnis der Studie „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Die repräsentative Befragung unter 1.000 Personen wird seit 2017 von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) unterstützt.


Ein Schwerpunkt der Studie lag darauf, wie die Befragten das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich am 8. Mai zum 75. Mal jährt, rückblickend einordnen und bezeichnen würden. Dabei bewerten sie die Begriffe der „Befreiung“ (87,0%) und des „Neuanfangs“ (81,2%) als die geeignetsten, um zu beschreiben, was das Kriegsende 1945 für Deutschland bedeutet hat – den Begriff der „Niederlage“ (70,3%) schätzen sie  im Vergleich als am wenigsten geeignet ein.

„Die Worte, die wir für historische Ereignisse wählen, verraten viel darüber, welche Rolle wir uns selbst dabei zuschreiben. Dass in Deutschland das Kriegsende vor allem als ‚Befreiung‘ und ‚Neuanfang‘ erinnert wird, erscheint nicht unproblematisch“, erklärt Sozialpsychologe Michael Papendick, Mitarbeiter am IKG und einer der Autor*innen der MEMO-Studien. „Diese Umschreibungen könnten nahelegen, die Deutschen seien dem nationalsozialistischen Regime zum Opfer gefallen, sodass sie befreit werden mussten, und dabei verschleiern, dass weite Teile der Bevölkerung dieses Regime mitgetragen und geduldet haben, zum Teil selbst darin verstrickt waren.“ Verzerrte Perspektiven auf die historischen Ereignisse spiegeln sich in einer Reihe von Befunden der MEMO-Studien wider. Dies sei auch deswegen bemerkenswert, weil zugleich ein großer Teil der Befragten (64,6%) die Sorge äußert, die deutsche Erinnerungskultur könne von Rechtspopulisten vereinnahmt werden.

Wozu dient eine „deutsche Opferperspektive“?
Die Befragten schätzen, dass nur rund 40% der deutschen Bevölkerung während der NS-Zeit von der systematischen Ermordung von Menschen wusste, mehr als die Hälfte der Deutschen also „nichts gewusst“ habe. Zudem zeigt sich, dass Befragte auch gefallene deutsche Soldaten zu den Opfern während der Zeit des Nationalsozialismus zählen und die Hälfte (49,9%) eine aktive Erinnerung an diese befürwortet. Unter dem Begriff des ‚Opfers‘ verstehen Befragte nicht nur die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, sondern auch die Opfer der Bombenangriffe, Vertriebene, Soldaten. „Es stellt sich die Frage nach der möglichen gesellschaftlichen Funktion einer solchen Perspektive. Geht es dabei noch immer oder schon wieder um die Verdrängung von Verantwortung? Oder erlaubt die verbreitete Anerkennung von historischer Verantwortung auch die Erinnerung an deutsche Opfer? Historische Bildung muss konkret sein, historische Zusammenhänge aufzeigen und nach politischen Positionen fragen“, betont Dr. Ralf Possekel, Vorstand der Stiftung EVZ.

Haben die Deutschen „aus der Geschichte gelernt“?

Die Studienteilnehmer*innen schätzen, dass 34,0% der Deutschen während der NS-Zeit zu den Täter*innen zählten, aber deutlich weniger (15,4%) potentiellen Opfern geholfen haben. Dass sie selbst während der Zeit des Nationalsozialismus zu den Täter*innen gezählt hätten, halten die wenigsten Befragten für wahrscheinlich (10,5%), dass sie selbst anderen geholfen hätten dafür umso mehr (65,3%). Diese Selbsteinschätzung ließe sich positiv so deuten, dass die Befragten aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte gelernt haben, aber auch so, dass sie die eigene Courage über- und den Einfluss gesellschaftlicher Prozesse und situationsbedingter Faktoren unterschätzen. Eine solche Lesart deckt sich mit den Einschätzungen der Befragten, die berichten, über die Einstellungen der deutschen Bevölkerung während der NS-Zeit und ihre Reaktionen auf die Verbrechen des NS-Regimes vergleichsweise wenig zu wissen. „Wir nehmen nicht an, dass die Befragten ihren Blick auf die NS-Zeit bewusst verzerren, oder sich selbst bewusst überschätzen, sondern dies das Ergebnis von kollektiven Erinnerungs- und Wissenslücken ist“, sagt Papendick. „Umso wichtiger erscheint daher eine vielfältige Erinnerungskultur, die neben dem bloßen Erinnern auch eine Auseinandersetzung mit Geschichte ermöglicht, damit rechtes Gedankengut und Geschichtsrevisionismus nicht noch weiter in entstehenden Wissenslücken verfangen können.“

Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)
Die Stiftung EVZ wurde im Jahr 2000 gegründet, um Zwangsarbeiter*innen während der NS-Zeit zu entschädigen. Seit 2001 leistet die Stiftung zudem humanitäre Hilfe für Überlebende, fördert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und stärkt zivilgesellschaftliches Engagement in Mittel- und Osteuropa.

Originalveröffentlichung:

„MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ – repräsentative Befragung von 1.000 Personen im Alter von 17 bis 90 Jahren. Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, Mai 2020. Hintergrundinformationen zu den Umfrageergebnissen, Fotos und Infografiken auf www.stiftung-evz.de/service/publikationen/studien.html

Kontakt:
Michael Papendick, Universität Bielefeld
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Telefon: 0521-106 3106
E-Mail: michael.papendick@uni-bielefeld.de

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