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Rezension zu Titus Andronicus (Theater-Festival im Pavillon)

Veröffentlicht am 3. April 2017, 12:11 Uhr

Es muss nicht immer „Romeo und Julia“ sein

(von Angela Stock)


Das junge Bielefelder Ensemble THTR unter der Leitung von Stefan Mießeler und Marianne Jaffke bietet Bielefeldern im Brackwede Rathaus-Pavillon eine Gelegenheit, die sich kein/e theater- oder kulturbeflissene/r Bielefelder/in entgehen lassen sollte: Sie führen William Shakespeares erste und über Jahrhunderte übel beleumdete Tragödie „Titus Andronicus“ auf. Ihnen gelingt dabei eine radikale und doch einfühlsame und phantasievolle Realisierung eines Stückes, an das sich viele versierte Regisseure nicht heranwagen.


Wir befinden uns im alten Rom. Feldherr Titus Andronicus kehrt siegreich aus dem Krieg gegen die Goten zurück; im Triumph werden die gedemütigte Gotenkönigin Tamora und ihre Söhne durch die Stadt geführt, ihr ältester Sohn als Wiedergutmachung für die gefallenen Römer geopfert. Doch Tamoras Racheschwur ist nicht die einzige Bedrohung Roms: dekadentes Leben und interne Querelen um die Kaiserkrone schwächen das Reich. Der alte Soldat verkörpert noch die traditionellen Werte von Pflichtbewusstsein, Loyalität und unbedingtem Respekt für Autorität, doch die Gesellschaft, in die er zurückkehrt, achtet diese Werte nicht mehr. Am Ende des ersten Aktes ist seine Welt schon zusammengebrochen: Er hat eigenhändig seinen Sohn erschlagen, seine Tochter ist mit einem Aufsteiger durchgebrannt, seine Erzfeindin Tamora hat den Kaiser betört, der ihm seine Gunst entzogen hat. Ab jetzt taumeln Titus und die Seinen immer tiefer in einen Alptraum.


Stefan Mießeler, der auch den Schurken Aaron spielt, erzählt die Geschichte klar und unverblümt. Er schreckt weder vor der Gewalt, noch vor der schwer zu inszenierenden grotesken Komik des Stückes zurück; aber er tritt hinter den Dramatiker zurück und läßt Shakespeare die emotionalen Akzente setzen. Seine Darsteller/innen danken es ihm, indem sie mit beeindruckendem Talent und großer Spielfreude die Höhen und Tiefen der Figuren ausloten. Liliana Mendes als würdevoll-maliziöse Gotenkönigin und ihre pubertär-brutalen Söhne (Lisa Reese und Olivia Wagner), die „A Clockwork Orange“ entstiegen zu sein scheinen, ergänzen sich perfekt mit Johannes Dreyers Titus, der zwischen Rachgier und fassungslosem Entsetzen schwankt, und Nico Storms, der die Mischung von Arroganz und mädchenhafter Scheue von Titus‘ geschändeter Tochter Lavinia mit großem Feingefühl verkörpert.


Der Pavillon in Brackwede zwingt die Schauspieler/innen, aus einer Not eine Tugend zu machen: Mit einfachen Bühnenmitteln erzählen sie eine Geschichte von Rache, Schmerz und Trauer, die so weltzerstörend ist, dass Tragik in Komik kippt, und weder Titus noch das Publikum wissen, ob sie lachen oder weinen sollen.

Termine und Kontakt

3. und 4. April, Rathaus-Pavillon Brackwede
Einlass 19:30 Uhr, Beginn 20:00 Uhr
Eintritt 8,- Euro, ermäßigt 5 Euro
Reservierungen: titus@thtr-festival.de
Kontakt: 0176-70791532

Gesendet von WSchüer in Theater & Tanz
Tags: 2017
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