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Nachruf: Georg G. Iggers (1926 – 2017)

Veröffentlicht am 12. Dezember 2017, 12:44 Uhr

Die Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie an der Universität Bielefeld trauert um Georg G. Iggers. Der renommierte amerikanische Experte für die Geschichte der deutschen Geschichtsschreibung war zwar nie – trotz mannigfaltiger Besuche und Konferenzteilnahmen in der Stadt am Teutoburger Wald – „Bielefelder“ im Wortsinn. Aber er spielte eine Rolle bei der Etablierung und Verbreitung der Sozialgeschichte Bielefelder Spielart vor allem in der englischsprachigen Welt, deren Bedeutung kaum zu überschätzen ist.

Der in Hamburg geborene Iggers gehörte zu der Gruppe junger deutsch-jüdischer Emigranten (wenige Wochen vor dem Novemberpogrom 1938 zunächst nach London, ein Jahr darauf nach Richmond, Virginia), die im Nachkriegsdeutschland den Ursprüngen und der Geschichte des deutschen Wegs in die Barbarei nachgingen und zu diesem Zweck für ausgedehntere Zeiträume in das Land zurückkehrten, das sie einst ins Exil getrieben hatte. So führte er um 1960 persönliche Interviews mit damals einflussreichen Historikern der Generation eines Gerhard Ritter oder Hermann Heimpel, also dezidiert konservativen Verfechtern eines noch unangefochtenen Späthistorismus, den er in seinem bahnbrechenden Werk The German Conception of History. The National Tradition of Historical Thought from Herder to the Present (1968, deutsch als: Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herder bis zur Gegenwart, dtv 1971) so prägnant wie analytisch kühl kritisierte.

In diesem wirkmächtigen Buch sah er die eigentliche Grundkonstruktion des deutschen Historismus als eine Art geistige Weichenstellung auf dem Weg in die völkermordende Diktatur. Die einfühlsame Toleranz gegenüber allem Geschichtlichen, die unterschwellige Heroisierung der „großen“ Persönlichkeit und die nicht ganz heimliche Bewunderung staatlicher Machtentfaltung hätten ein Einfallstor für nationalsozialistische Allmachtsphantasien gebildet, aus der in der desillusionierten Duldungsstarre des Späthistorismus dann die exkulpatorischen Formeln der „Dämonie der Macht“ oder der „deutschen Tragik“ wurden.

Die Verbindung zur Sozialgeschichte vor allem Bielefelder Prägung ergab sich aus Iggers‘ dezidiertem Plädoyer für eine „Verwestlichung“ (Jürgen Kocka) der deutschen Historiografie, die er in den neueren Ansätzen in der deutschen Geschichtslandschaft, die sich radikal vom Historismus abgrenzten und den Aufbruch in ein auch politisch deutlich anders akzentuiertes Zeitalter postulierten und praktizierten, verkörpert sah. Iggers begleitete und popularisierte diese Neuansätze – nicht unkritisch, aber voller Sympathie –, und ohne seine breit rezipierten Publikationen, darunter vor allem auch New Directions in European Historiography (1975), hätte sich der Bekanntheitsgrad der „Bielefeld School of History“ sehr viel länger in sehr viel engeren Grenzen gehalten.

Seit 1965 lehrte Georg G. Iggers in Buffalo, New York, wo er zusammen mit seiner Ehefrau und politischer wie wissenschaftlicher Partnerin Wilma während des Vietnamkriegs eine Beratungsstelle für Wehrdienstverweigerer betrieb. Bereits zuvor waren beide, die seit 1950 zunächst an einem „schwarzen“ College in Little Rock, Arkansas, angestellt waren, kontinuierlich und engagiert in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aktiv. Dabei hatte ihm das FBI anlässlich seiner Einbürgerung 1953 trotz ausführlicher Befragungen ungenannter Informanten im Geist der McCarthy-Jahre keine „subversiven Neigungen“ nachweisen können.

Iggers war ohnehin eher ein Verfechter der Versöhnung und des Ausgleichs. Während der Jahreshälften, die die beiden regelmäßig in der Bundesrepublik verbrachten, knüpften sie Kontakte zur Geschichtswissenschaft der DDR und versuchten, das Fachgespräch zwischen den Parteien des Kalten Krieges in Gang zu bringen. Nach 1990 war er eine wichtige Figur im Prozess der Zusammenführung der Fächer.

Wir vermissen einen Historiker der Geschichtsschreibung mit so weitreichenden Visionen wie Georg G. Iggers. Und man würde heute auch nur zehn Prozent seines humanistischen und politischen Engagements geradezu als revolutionären Ausbruch aus dem Elfenbeinturm unserer Zunft begrüßen.

10.12.2017 Thomas Welskopp

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