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Porträt Matteo Tasso

Veröffentlicht am 5. Februar 2018, 15:50 Uhr

Nach einem Interview-Leitfaden von Myriam Goupille

Lieber Matteo, woher kommst du genau?Matteo Tasso
Ich komme aus Asti, einer piemontesischen Stadt in der Nähe von Turin. Die Stadt, die jeder kennt. Denn jeder kennt Asti Spumante. Und viele kennen auch Paolo Conte. Der kommt auch aus Asti. Noch genauer gesagt komme ich aus Cocconato, einem Dorf mit 1.500 Einwohnern, das etwa 30 km von Asti entfernt liegt. Für meine Mutter war es immer schwierig, uns drei Jungs zu unterschiedlichen Uhrzeiten zum Gymnasium nach Asti und zurück zu bringen. Am Nachmittag dann jeden zu seinen Sportveranstaltungen. Als ich sechzehn war, sind wir deshalb nach Asti gezogen. Und seit sechs Jahren gibt’s zu den drei Jungs auch noch ein Mädchen.

Wie bist du nach Bielefeld gekommen?
Zum ersten Mal bin ich 2015 in Bielefeld gewesen. Im September. Im Rahmen eines universitären Projektes zwischen Bielefeld und Turin. Damals war ich für einen Monat Gast in einer Bielefelder Familie, zu der ich immer noch den allerbesten Kontakt pflege. Die Universität und die Leute in Bielefeld haben mir so gut gefallen, dass ich ein Jahr später als Erasmusstudent zurückgekommen bin. In diesem Jahr habe ich meine Lebenspläne geändert. Meinen italienischen Masterstudiengang in Übersetzungswissenschaft mit den Fremdsprachen Deutsch und Englisch habe ich nicht beendet und bin auf Deutsch als Fremdsprache umgesattelt.

Gibt es etwas aus deiner Gegend/deinem Land, was du hier vermisst? Und/Oder etwas, was du hier in Bielefeld schön findest?
Das erste, was mir fehlt, sind die Menschen. Meine Familie, meine Freunde in Italien. Alte Freunde, die ich kenne, solange ich lebe, und andere, mit denen ich meine Jugendzeit verbracht habe. Ich will diese Kontakte nicht verlieren.
Das zweite, das mir fehlt, ist definitiv das Essen. Die Qualität der italienischen Produkte, unsere Mozzarella, unsere Schinken, Tomaten, frisches  Gemüse. Hier in Deutschland muss ich auf vieles verzichten, vor allem auf Qualität. Der Unterschied ist schon sehr deutlich. Anfangs war das ziemlich frustrierend. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden und erwarte nichts mehr. Ich passe mich den Gegebenheiten halt an.
Das nächste ist das Wetter. Der Sonnenmangel deprimiert mich spürbar, und ich muss Vitamin-D zu mir nehmen, sonst werde ich hier zum Trauerkloß.
Was mir dagegen in Bielefeld gefällt ist, dass es eine Universitätsstadt und gleichzeitig klein ist und eine gute verkehrstechnische Infrastruktur hat. Die Wege sind so kurz, mein Leben wird dadurch länger! Ich habe hier einfach mehr Lebenszeit. Außerdem komme ich, wie schon gesagt, sehr gut mit den Menschen hier klar. Ich finde sie hilfsbereit und vertrauenswürdig. Hier gilt ein Wort, nicht nur das von Freunden. Ich kann mich auf die Menschen hier verlassen. Das bedeutet mir sehr viel. Im Mai bin ich etwa vom Rad gefallen und habe mir einen Arm gebrochen. Ich musste operiert werden. Eine unglückliche Situation allein im Ausland. Ich war auf Hilfe jeder Art angewiesen: Behördenkommunikation, Hilfe im Alltag. Da habe ich gesehen, dass ich den Leuten hier nicht gleichgültig bin und in der Not auf sie zählen kann. So viele haben mir geholfen…

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?
Vor etwa einem Jahr habe ich angefangen, als Deutschlehrer zu arbeiten und DAF zu studieren. Davor habe ich, wie schon gesagt, Übersetzungswissenschaft studiert. Sprachen haben mir immer sehr gut gefallen. Hier in Bielefeld gibt es jedoch keine Übersetzungswissenschaft, und ich wollte hier bleiben. Außerdem erscheint mir eine didaktische Ausbildung mehr Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Deshalb die Entscheidung für einen Masterstudiengang in DaF. Ich erkenne in meiner Lehrpraxis immer wieder, wie sehr ich von dieser Ausbildung profitiere. Der Sprachunterricht ist eine Profession mit sehr komplexen Anforderungen. Und man kann jede Menge falsch machen. Mit dem eigenen Unterrichten habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ich Studieninhalte unmittelbar umsetzen kann – und wie sehr das Studium mich für die Lehraufgabe qualifiziert. Gerade fällt mir ein, welche Einsichten mir ein Seminar über Fehlerkorrektur vermittelt hat. Wie radikal ich meinen Unterricht daraufhin umgestellt habe. Mit sichtbarem Erfolg!

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studenten erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.
Eine lustige Geschichte fällt mir ein, als ich an einer Sprachschule unterrichtete und wir die Datumsangaben übten. Ein reiferes Ehepaar war dabei, und er sollte das Datum ihrer Hochzeit nennen. Es kam einfach nicht aus ihm heraus, und ich dachte schon, oh weh, das wird schwierig mit ihm. Ist ja auch schon etwas älter… Dann stellte sich aber heraus, dass er schlicht und einfach das Datum vergessen hatte. Ihre Reaktion kannst du dir vorstellen! Ich möchte nicht wissen, was am Abend zu Hause bei den beiden losgewesen ist…

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