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Let's talk! Praktiker*innen-Gespräch #1

Veröffentlicht am 16. Oktober 2019, 11:45 Uhr

:: Außeruniversitäre Karrieren ::

Praktiker*innen im Gespräch #Teil 1

Wir starten in das Wintersemester mit neuen Perspektiven von Praktiker*innen, die ebenfalls aus der Geschichtswissenschaft oder Soziologie sind. Die Spannweite ist dabei groß - von Verlagsarbeit über Kommunikationsdesign hin zu europäischer Gewerkschaftstätigkeit. Jeden Monat veröffentlichen wir ein neues Interview.

Unsere letzte Reihe, in der BGHS-Mitglieder davon berichten, in welchen Bereichen sie außerhalb der Uni tätig sind, könnt ihr hier nachlesen:

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Viel Spaß beim Lesen!

Viele Wege führen aus der BGHS. Aber wohin führen Wege nach der Promotion konkret? Wir sprechen im Wintersemester mit Historiker*innen und Soziolog*innen, die ihren Beruf außerhalb der Universität ergriffen haben. Peter Scherrer hat mit uns über seine Tätigkeit als stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes gesprochen.

Herr Scherrer, Sie waren bis Mai 2019 stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Was waren die vielleicht drei wichtigsten Aufgaben für Sie?

Peter Scherrer: Die wichtigste Aufgabe ist es, die Position der Gewerkschaften in die europäische Gesetzgebung einzubringen. Das ist ganz zentral: Gerade vor der Europawahl im Sommer hat die Kommission noch einige Gesetzesinitiativen ergriffen, die sie unbedingt umsetzen wollte, bevor das Parlament auseinander ging. Da gab es mehrere Gesetzesinitiativen, die im Zusammenhang mit der sogenannten Europäischen Säule sozialer Rechte stehen. Die zweite Aufgabe ist, Positionen zu erarbeiten, die von allen EGB-Mitgliedsorganisationen getragen werden: European Trade Unions speak with one voice. Das ist nicht automatisch der Fall. Da gibt es große Meinungsunterschiede, was etwa Handelsfragen angeht: TTIP ist nicht nur auf Ablehnung gestoßen, zum Beispiel. Oder Unterschiede bei der Energiepolitik: Polnische Bergarbeiter sehen den Kohleverzicht anders als Beamte in Luxemburg.

Alle sind aber Mitglieder des EGB. Die drittwichtigste Aufgabe besteht darin, unsere Gewerkschaften zu unterstützen. Insbesondere die Mitgliedsverbände aus den Ländern, in denen es zum Beispiel keinen funktionierenden Sozialdialog gibt und die Gewerkschaften schwach sind. Im „Brüssel Speak“ heißt das capacity building: mitzuhelfen, dass Gewerkschaften und je nachdem auch Arbeitgeberverbände stark sind. Wir wollen auch Arbeitgeberverbände, die durchsetzungsfähig sind. Und wir haben Mitgliedsorganisationen auch außerhalb der EU, in den sogenannten Kandidatenländern, wie zum Beispiel in Serbien: Da gilt es, Gewerkschaften zu stärken, die zum Teil von den jeweiligen Regierungen nicht ernst genommen werden. Dort wird Wirtschafts- und Sozialpolitik an den Gewerkschaften vorbei gemacht.


Peter Scherrer bei einer Gewerkschaftsdemonstration.

Welches Wissen und welche Kompetenzen bringen Sie als Geschichtswissenschaftler bei dieser Arbeit ein?

Peter Scherrer: Da würde ich sagen: eine gute Allgemeinbildung. Aber, ich glaube, für die Arbeit, die ich da getan habe, hätte ich auch Politologe oder Soziologe sein können. Was einfach wichtig ist, ist das Handwerkszeug wissenschaftlichen Arbeitens: Dinge zu analysieren, zusammenfassen oder wiederzugeben. Ich hab in meinem Beruf immer relativ viel geschrieben und jetzt zum Beispiel ein Bändchen mit dem Titel „Jetzt für ein besseres Europa!“ mitherausgegeben, das beim europäischen Gewerkschaftsinstitut (EGI) erschienen ist. Ich muss sagen: Für mich selbst war das Studium der Geschichtswissenschaft immer ganz wichtig. Jetzt, wo ich aus dem unmittelbaren Büroalltag raus bin, stapeln sich auch schon wieder Bücher, die ich unbedingt lesen muss. Dazu hab ich Zeit, weil ich die Sommerpause dazu nutzen werde, um zu gucken, wie es beruflich weitergehen wird.

Welche Tipps haben Sie für Kolleg*innen aus Soziologie oder Geschichtswissenschaft, die in eine Karriere in Ihrem Beruf einsteigen?

Peter Scherrer:Zunächst: viel zu schreiben und auf sich aufmerksam zu machen. Also, wenn jemand zum Beispiel eine Abschlussarbeit zur Geschichte der Landwirtschaft schreibt: Landwirtschaft ist immer noch der größte Haushaltsposten in Brüssel und es gibt ganz viele Themen, die mit Landwirtschaft in Verbindung stehen. Da würde ich mir als Absolvent die Verbände und ihre Veröffentlichungen dazu angucken; ich würde recherchieren, was dazu im Parlament auf der Tagesordnung steht. Und dann würde ich gucken, wo frei zugängliche Veranstaltungen sind, mir eine vernünftige Visitenkarte machen, mit Leuten reden und mich auch initiativ bewerben. Wenn dann jemand bei einer Bewerbung sagen kann: Hier hab ich meine Schwerpunkte, dann finde ich das überzeugender, als jedes Detail zur Lebenserfahrung aufzupumpen.

Wenn sich jemand mit 26 Jahren, einem Masterabschluss und einer Riesenlatte an Erfahrung bewirbt, dann denke ich immer: Mein Gott, Du kannst doch einfach zugeben, dass das jetzt Deine erste Berufserfahrung ist. Aber dass Dir das Thema wichtig ist und dass Du Dich damit schon lange beschäftigt hast: Sowas überzeugt mich. Und dann hab ich noch den Tipp – ich hätte vor 35 Jahren auch nicht gedacht, dass ich sowas mal sagen würde: Gute Manieren werden immer gewürdigt!

Der Punkt ist notiert. Herr Scherrer, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Ulf Ortmann.

Das komplette Gespräch als PDF findet ihr hier:

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Weiterführende Informationen zu dem Projekt "Außeruniversitäre Karriere":

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