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Fremdenfeindlichkeit oder Willkommenskultur?

Veröffentlicht am 4. März 2016, 11:28 Uhr
Bielefelder Forscher untersuchen, warum Deutschland geteilter Meinung ist

Deutschland ist gespalten: Auf der einen Seite demonstrieren Pegida-Anhänger, Neonazis zünden Flüchtlingsunterkünfte an. Auf der anderen Seite engagieren sich Tausende ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe oder spenden Kleidung für Geflüchtete. Wie kommen Fremdenfeindlichkeit und Willkommenskultur zustande und wie stark sind die beiden gegensätzlichen Einstellungen in Deutschland verbreitet? Das haben Forscher der Universität Bielefeld in einer Studie analysiert. Das Ergebnis ist erstaunlich: Fremdenfeindliche Menschen haben teilweise genau die Motive, die sie an der fremden Kultur so stark ablehnen.


Heinz Streib, Professor der Religionspädagogik, analysiert gemeinsam mit Postdoc-Mitarbeiter Constantin Klein und seinem Forschungsteam die Einstellungen in Deutschland. Sie untersuchen positive und negative Einstellungen zwischen den drei großen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam. Projekttitel: „Xenophobie und Xenosophie in und zwischen den abrahamitischen Religionen“.

Ausgewählte Ergebnisse ihrer Studie zeigen ein Bild der Zerrissenheit für Deutschland: Jeweils etwa 60 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sich Europa vor einer zunehmenden Islamisierung schützen müsse, und dass es zu viele Zuwanderer in Deutschland gebe. Etwas mehr als die Hälfte ist der Ansicht, dass durch die Regierenden zu wenig gegen Überfremdung getan werde.

Aber auch die andere Seite zeigt sich in den Ergebnissen: Eine Mehrheit von etwa 83 Prozent der Befragten stimmt zu, dass Kriegsflüchtlinge hierzulande willkommen sein sollten. Die hohe Zustimmung zur Willkommenskultur gegenüber Kriegsflüchtlingen wurde Anfang August 2015, also zu Beginn des großen Flüchtlingsstroms über die Balkanroute, erhoben. Knapp die Hälfte der Befragten stimmt dem Satz zu: „Die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen in unserer Gesellschaft stellt eine kulturelle Bereicherung dar“.

Wie lässt sich diese Polarisierung in Deutschland erklären? Das fragte das Forschungsteam und kam zu der Antwort, dass Religiosität per se nur wenig erklärt, wenn man unter Religiosität allein Gottesdienstbesuch, Glauben an Gott oder Gebet versteht. „Die Trennung verläuft vielmehr mitten durch die Religion selbst. Die Trennlinien verlaufen zwischen einer Religion, die auf die eigene Kultur und die eigene Familienehre fixiert ist, und einer anderen Variante von Religion, die offen ist für Komplexität und Dialog“, erklärt Streib.

Die Willkommenskultur hänge besonders damit zusammen, wie stark dialogbereit und weltoffen die eigene Religion verstanden wird. Möchte ich mich vom Fremden inspirieren lassen, fair und tolerant sein? Wer dem zustimmt, heiße Fremde, zum Beispiel Flüchtlinge, oft eher willkommen.  Auf der anderen Seite stehen Menschen, die ihre Religion eng und fundamentalistisch verstehen. Toleranz gegenüber Fremden und der fremden Religion bleibe dabei auf der Strecke.

Am stärksten hänge Fremdenhass von „gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen“ ab, zum Beispiel von der starken Zustimmung zu Aussagen wie der folgenden: „Ein richtiger Mann ist bereit, sich mit körperlicher Gewalt gegen jemanden durchzusetzen, der schlecht über die Familie redet.“ „Ironischerweise ist also Fremdenfeindlichkeit – die sich ja vor allem gegen Muslime richtet – genau aus den Motiven gespeist, die an der fremden Kultur stark abgelehnt werden“, sagt Streib.

Befragt wurden etwa 900 Personen mit umfangreichen Fragebögen und teilweise mit ausführlichen Interviews. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat das Projekt gefördert.

Weitere Informationen im Internet:
www.uni-bielefeld.de/theologie/forschung/religionsforschung/forschung/streib/inter/index.html



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