English flag English
 
uni.aktuell

Hintergrundbild
Hintergrundbild

Auch Intensivtäter finden den Weg in die Normalität

Veröffentlicht am 22. Mai 2014, 12:36 Uhr

Studie beleuchtet erstmals in Deutschland, wie sich Jugendkriminalität im Altersverlauf entwickelt

Lassen sich individuelle Verläufe von Gewaltkriminalität im Jugendalter vorhersagen? Schrecken harte Strafen wirklich ab? Wie wirkt sich der Konsum von Gewaltfilmen auf Jugendliche aus? Auf diese und andere Fragen suchen Kriminologen immer wieder nach Antworten. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit zwölf Jahren geförderte Langzeitstudie „Kriminalität in der modernen Stadt“ unter Leitung des Kriminologen Professor Dr. Klaus Boers (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, WWU) und des Soziologen Professor Dr. Jost Reinecke (Universität Bielefeld) bringt nun Licht ins Dunkel. Die Studie unterscheidet sich von bisherigen Untersuchungen vor allem dadurch, dass einmalige Befragungen lediglich Momentaufnahmen lieferten, aber nichts über die individuelle Entwicklung der Kriminalität aussagten. „Es gibt bisher keine vergleichbare Studie in Deutschland, die delinquentes Verhalten für Jugendliche und junge Erwachsene im Altersverlauf erfasst“, unterstreicht Jost Reinecke den Wert der Studie.

Auf Basis einer jährlich wiederholten und anonymen Befragung von rund 3.400 Duisburger Jugendlichen gibt die Untersuchung einen einzigartigen und profunden Überblick über den Einfluss von Wertorientierungen, Erziehungsstilen, Freundesgruppen, Gewaltmedien, Migrationshintergrund, Präventionsmöglichkeiten und über die Wirkung strafrechtlicher Sanktionen. Zu Beginn der Befragung im Jahr 2002 waren die Jugendlichen durchschnittlich 13 Jahre alt. Bis zum 20. Lebensjahr wurden immer dieselben Jugendlichen jährlich befragt, seitdem jedes zweite Jahr bis zum 24. Lebensjahr. Die Wissenschaftler bekamen Einblicke in das Dunkelfeld der Kriminalität, indem die jungen Menschen über Straftaten berichteten, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen. Zusätzlich werteten sie (Hellfeld-)Daten über Verurteilungen und Verfahrenseinstellungen aus. Zwar stammen die Angaben und Daten der Studie ausschließlich aus Duisburg – die Wissenschaftler sind aber davon überzeugt, dass sich viele Ergebnisse auch auf andere deutsche Großstädte übertragen lassen.

Die aktuellen Befunde widerlegen nicht nur gängige Vorurteile, sondern geben auch der Polizei und Justiz wichtige Hinweise für die Kriminalprävention und den Umgang mit jugendlichen Straftätern. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Viele Jugendliche begehen bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal eine in aller Regel leichte oder mittelschwere Straftat (beispielsweise Ladendiebstahl) – dies sind rund 84 Prozent der Jungen und 69 Prozent der Mädchen. Bei den meisten erledigen sich solche Episoden noch im Jugendalter ohne Eingriff von Polizei oder Justiz. Nach einem schnellen Anstieg zum Ende des Kindesalters geht die Delinquenz bereits ab dem 15. bis 16. Lebensjahr wieder weitgehend zurück. Zudem sind Mädchen stärker belastet als bisher angenommen. Der Delinquenzrückgang geschieht weitgehend ohne Intervention durch die Polizei oder Justiz. Er ist Ausdruck einer erfolgreichen Vermittlung von Werten und Normen durch Familie und Schule. Dieser positive Prozess wird im Jugendstrafrecht zu Recht durch weit verbreitete Verfahrenseinstellungen bei Erst- und gelegentlich handelnden Tätern unterstützt.

Problematisch sind die sogenannten Intensivtäter: Sie machen nur sechs bis acht Prozent ihrer Altersgruppe aus, begehen aber die Hälfte aller Taten und mehr als drei Viertel der Gewaltdelikte. Früher ging man davon aus, dass diese Gruppe bis in das Erwachsenenalter gewalttätig bleibt. Die Studie widerlegt diese These im Einklang mit internationalen Forschungsbefunden und zeigt, dass die Zahl der Delikte auch bei Intensivtätern – wenn auch zum Teil erst zum Ende des Jugendalters – deutlich zurückgeht. Insbesondere ein erfolgreicher Übergang in das Erwerbsleben sowie stabile soziale Bindungen unterstützen den oft schwierigen Weg in die Normalität.

Migranten sind in Duisburg nicht häufiger an Gewaltdelikten beteiligt als einheimische Jugendliche. Als präventive Faktoren werten die Wissenschaftler stabile familiäre und nachbarschaftliche Bindungen, ein gutes Schulklima sowie eine erfolgreiche Ausbildung. Die Orientierung an traditionellen und religiösen Werten geht außerdem mit weniger Alkoholkonsum und einem gemäßigteren Freizeitverhalten einher. Die Studie belegt, dass vor allem eine stärkere Bildungsbeteiligung ein wesentlicher Schlüssel zur Verringerung der Straffälligkeit von jungen Migranten ist: Je besser die Einbindung in das Bildungssystem gelingt, desto mehr verliert die Gewalt an Attraktivität.

Der Konsum von Gewaltfilmen erhöht die Neigung, Gewalttaten zu begehen. Zwar gibt es nur selten eine direkte Verstärkung des Gewaltverhaltens durch den Konsum von Gewaltfilmen. Es kann aber zu einer problematischen indirekten Wirkung kommen: Der Konsum steigert die Befürwortung von Gewalt - und je stärker Gewalt befürwortet wird, desto häufiger kommt es zu Gewalttaten.

Strafen schrecken nicht ab – im Gegenteil: Haftstrafen können den Kontakt zu gewaltbereiten Gruppen fördern und soziale Bindungen schwächen. Die Forscher empfehlen deshalb, strafrechtliche Eingriffe auf das Notwendige zu beschränken.

„Die für Jugendliche typische, gelegentliche Delinquenz regelt sich weitgehend von selbst. Erfreulich ist, dass auch Intensivtäter – wenn auch später – den Weg in die Normalität finden“, bilanziert Klaus Boers.


Weitere Informationen im Internet:
Homepage der Studie „Kriminalität in der modernen Stadt“: www.krimstadt.de

Institut für Kriminalwissenschaften der WWU Münster: www.jura.uni-muenster.de/kriminologie

Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld: www.uni-bielefeld.de/soz/personen/reinecke

Kommentare:

Senden Sie einen Kommentar:
Kommentare sind ausgeschaltet.
Seite drucken

Kalender

« Juli 2016
MoDiMiDoFrSaSo
    
2
3
5
9
10
13
16
17
21
23
24
25
26
27
28
29
30
31
       
Heute

Kontakt

Universität Bielefeld
Pressestelle
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld

E-Mail:
pressestelle@uni-bielefeld.de

Homepage Pressestelle

[Dies ist ein Apache Roller Blog]